Wohnungsbau im dritten Minusjahr
Wohnungsbau im
dritten Minusjahr
17% weniger Genehmigungen − So wenig wie seit 2010 nicht
ba Frankfurt
Die Aussichten für den kriselnden deutschen Wohnungsbau sind so trübe wie schon lange nicht mehr: Im vergangenen Jahr wurden so wenig Baugenehmigungen erteilt wie zuletzt vor 14 Jahren. Laut des Statistischen Bundesamts (Destatis) gab es 2024 grünes Licht für den Bau von 215.900 Wohnungen. Das sind 16,8% weniger als im Vorjahr. „Damit sank die Zahl der Baugenehmigungen bereits im dritten Jahr in Folge“, erklärten die Statistiker zu dem niedrigsten Stand seit 2010, als 187.600 Wohnungen genehmigt worden waren. 2023 waren die Baugenehmigungen noch um 26,6% eingebrochen.
Auftragsmangel so hoch wie nie
Die Zahl der gemeldeten Baugenehmigungen ist ein wichtiger Frühindikator für die zukünftige Bauaktivität und daher ein deutliches Zeichen, wie tief der Wohnungsbau in der Krise steckt. 2021 war noch der Neubau von 380.000 Wohnungen genehmigt worden, die Preis- und Zinssteigerungen infolge von Corona-Pandemie und Ukrainekrieg haben aber viele geplante Bauvorhaben unrentabel gemacht bzw. sorgen dafür, dass solche Planungen erst gar nicht angegangen werden. Im Januar klagten 57% der vom Ifo-institut befragten Unternehmen über fehlende Aufträge − so viele wie noch nie. Im Dezember lag der Anteil noch bei 53,6%. Die Stornoquote sank minimal auf 9,7%. „Die Krise im Wohnungsbau scheint inzwischen zum Normalzustand geworden zu sein“, sagt Klaus Wohlrabe, Leiter der Ifo-Umfragen. „Auch die Zinssenkungen der EZB führten bisher zu keiner Entspannung der Situation.“
„Der dramatische Einbruch in den letzten zwei Jahren ist also eklatant, steht in krassem Widerspruch zum tatsächlichen Bedarf an Wohnraum, insbesondere an bezahlbarem Wohnraum, und lässt die Ziele der Bundesregierung in weite Ferne rücken“, sagte Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe (ZDB). Die Bundesregierung hatte wegen des vor allem in den Ballungsräumen massiven Wohnraummangels den Bau von jährlich 400.000 Einheiten auf der Agenda. Laut dem Bauministerium wurden in den Jahren 2021 bis 2023 knapp 300.000 Wohnungen pro Jahr errichtet, 2024 könnten es rund 265.000 werden. Destatis legt die Jahreszahlen für 2024 im Mai vor.
„Es geht aufwärts“
„Der Wohnungsbau macht gerade eine schwere Zeit durch“, erklärte ein Sprecher des Bundesbauministeriums. „Aber: Es geht aufwärts“, der Rückgang der Baugenehmigungen habe sich in der zweiten Jahreshälfte abgeschwächt. Da die Zinsen für Wohnungsbaukredite gesunken sind, sich der Anstieg der Baukosten verlangsamt hat und die Auftragslage am Bau nach oben gehe, sei eine Trendwende in diesem Jahr zu erwarten. „Trotz der sozialen und gesellschaftlichen Brisanz ist der Wohnungsbau in diesem Wahlkampf kein zentrales Thema geworden, das wundert uns – ist aber leider nicht mehr zu ändern“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, Tim-Oliver Müller. Nach der Bundestagswahl müsse das Thema wieder auf die Tagesordnung. „Die neue Regierung hat nicht viel Zeit. Attacke Wohnungsbau – denn das ist Sozialpolitik.“
Fast ein Fünftel weniger Neubaugenehmigungen
Die 172.100 genehmigten Neubauten bedeuten einen Rückgang um 19,4% zum Vorjahr. Laut Destatis entfallen rund 93% der Genehmigungen auf Unternehmen und Privatpersonen. Bei Unternehmen melden die Statistiker 92.300 Baugenehmigungen für neue Wohnungen, das sind 21,6% weniger als im Vorjahr. Die 68.400 Baugenehmigungen für Privatpersonen entsprechen einem Minus von 15,6%. Und die Zahl der Baugenehmigungen, die auf Bauanträge der öffentlichen Hand zurückgehen, sank um 19,8% auf 8.800.
Privatpersonen errichten vor allem Ein- oder Zweifamilienhäuser, die zusammen für 29,4% der 2024 genehmigten Neubauwohnungen stehen, 66,4% entfallen auf Mehrfamilienhäuser. Die stärksten Rückgänge der Baugenehmigungen verzeichnet Destatis für Einfamilienhäuser mit 20,3% auf 37.900, sowie Mehrfamilienhäuser mit 19,7% auf 114.200 Wohnungen. Bei Zweifamilienhäusern fiel die Zahl der Baugenehmigungen um 11,3% auf 12.700 zurück.
„Stabilisiert auf niedrigem Niveau“
„Im Jahresverlauf 2024 hat sich die Zahl der Baugenehmigungen für Ein- und Zweifamilienhäuser auf niedrigem Niveau stabilisiert“, erklärten die Statistiker. Im Januar sei mit 3.900 Genehmigungen der bisher niedrigste Monatswert seit dem Beginn der Zeitreihe 1995 gemessen worden. Seitdem schwanke die Zahl der Baugenehmigungen eng um einen durchschnittlichen Monatswert von ca. 4 200.
Homeoffice macht sich bemerkbar
Aber auch die neuen Bauvorhaben bei Nichtwohngebäuden wie etwa Fabrikgebäuden und Lagerhallen, Büro- und Verwaltungsgebäuden oder landwirtschaftlichen Betriebsgebäuden sind im Jahresvergleich gesunken. Hier ist der umbaute Raum − der zentrale Indikator zur Messung der Bauaktivität − um 2,9% auf 193,0 Millionen Kubikmeter gefallen. Das war der niedrigste Wert seit 2014. Den Rückgang des umbauten Raums bei Büro- und Verwaltungsgebäuden von 43,0% seit dem Jahr 2021 führt Destatis auf das verstärkte Arbeit im Homeoffice zurück.