Nokia gibt CEO Lundmark den Laufpass
Nokia gibt CEO Lundmark den Laufpass
Von Heidi Rohde, Frankfurt
Nach mehreren Rosskuren und einer über Jahre enttäuschenden Umsatzentwicklung zieht der Aufsichtsrat von Nokia die Reißleine. Konzernchef Pekka Lundmark (61), der 2020 den langjährigen CEO Rajeev Suri abgelöst hatte, räumt seinen Posten. Zum 1. April übernimmt der Intel-Manager Justin Hotard (50) das Steuer bei dem finnischen Netzwerkausrüster. Lundmark werde für eine Übergangszeit als Berater zur Verfügung stehen, heißt es in einer Mitteilung aus Espoo. Aufsichtsratschefin Sari Baldauf, die früher selbst die Netzwerksparte geleitet hatte, als diese noch das Anhängsel im Portfolio des ehemals weltgrößten Handy-Hersteller war, lobt Hotards 25-jährige Erfahrung in Technologiekonzernen, wo er vor allem seine Fähigkeit, „das Wachstum zu beschleunigen“, unter Beweis gestellt habe. Die Nokia-Aktie gewann an der Börse in Helsinki 2,2% auf 4,36 Euro.
Ein Jahr bei Intel
Hotard leitet derzeit die Geschäfte für Rechenzentren und KI beim angeschlagenen Halbleiterriesen Intel, ist dort allerdings erst seit einem Jahr. Zuvor verbrachte er mehr als acht Jahre beim Computerhersteller Hewlett Packard, wo er zuletzt ebenfalls die Zukunftsthemen Hochleistungsrechner und KI verantwortet hatte. Baldauf dankte Lundmark für die Führung von Nokia „in einer schwierigen Zeit“. Unter seiner Leitung habe der Konzern seine Technologieführerschaft bei der 5G-Mobilfunktechnik „wiedererlangt“ und eine „starke Position“ bei cloudbasierter Netztechnik aufgebaut.
Lundmark hatte dem finnischen Netzwerkausrüster, der zuvor mit erheblichen Marktanteilsverlusten im Kerngeschäft mit Mobilfunktechnik zu kämpfen hatte, mehrere Sparrunden auferlegt, anfangs um die nötigen Mittel für Forschung und Entwicklung freizusetzen, damit Nokia ihr 5G-Angebot auf Augenhöhe mit dem Wettbewerb bringen konnte. Später wurden die Finnen allerdings vom Rückgang des Marktes infolge einer schleppenden Konjunktur in Europa und auch China ebenso kalt erwischt wie Ericsson. Lundmark begegnete dem Umsatzrückgang erneut mit Einsparungen und einem gigantischen Stellenabbau.
Kerngeschäft auf dem Prüfstand
Gerüchte über eine Ablösung des Nokia-Chefs waren bereits im September vergangenen Jahres aufgekommen. Zugleich gab es damals Spekulationen, der Konzern würde sein Kerngeschäft mit Mobilfunktechnik an den neuen Wettbewerber Samsung verkaufen und das Unternehmen neu ausrichten. Die Wahl von Hotard gibt den Gerüchten über eine strategische Überprüfung neue Nahrung, so dass auch ein Aufspaltung wieder im Raum stehen könnte. KI wird von Mobilfunkbetreibern bereits in großem Umfang für die Automatisierung, das Netzdesign und das Netzmanagement eingesetzt. Nokia setzt auf die Verschmelzung von KI und Funkzugangsnetzen (RAN) als AI-RAN.
M&A-Gerüchte
M&A-Spekulationen hatten den Nokia-Kurs bereits geraume Zeit getrieben. 2024 kletterte das Papier daher um 60%. Dennoch hatte die Unzufriedenheit im Aktionärskreis zuletzt zugenommen. Denn der finnische Netzwerkausrüster hat noch weniger als Rivale Ericsson von den Sanktionen gegen Huawei profitieren können. Obwohl Huawei und andere chinesische Anbieter in den USA praktisch kein Geschäft mehr machen können und auch in Europa zurückgedrängt werden, so dass Nokia und Ericsson als „Vollsortimenter“ im Netzwerkgeschäft dort nahezu unter sich sind, kamen beide nicht auf einen nachhaltigen Wachstumspfad.
Huawei dagegen berichtete vergangene Woche über einen Anstieg des Jahresumsatzes um 34% auf 53 Mrd. Euro und einen Gewinnschub von 18% auf 7 Mrd. Euro. Bei Nokia ist der Konzernumsatz aktuell niedriger als 2016, als die finnische Ikone den Wettbewerber Alcatel-Lucent für 16 Mrd. Euro geschluckt hatte.
Mit der Bestellung von Hotard versucht Nokia nun zum zweiten Mal, in misslicher Lage das Ruder mithilfe eines US-Managers herumzureißen. Das erste Mal ging schief. 2010 hatte die strauchelnde Handy-Ikone Stephen Elop bei Microsoft abgeworben, um im Smartphone-Geschäft einen Neustart zu machen. Die Rettungsmission endete mit Verkauf des einst glänzenden Kerngeschäfts an den Windows Konzern.