IM BLICKFELD

Die Rückkehr der Hypothekenanleihen in den USA

Von Peter De Thier, Washington Börsen-Zeitung, 25.9.2019 14 Jahre sind vergangen, seit die leichtsinnige Vergabe von Häuserkrediten den Weg für die tiefste Rezession seit der Weltwirtschaftskrise pflasterte. In einer Ära niedriger Zinsen und...

Die Rückkehr der Hypothekenanleihen in den USA

Von Peter De Thier, Washington 14 Jahre sind vergangen, seit die leichtsinnige Vergabe von Häuserkrediten den Weg für die tiefste Rezession seit der Weltwirtschaftskrise pflasterte. In einer Ära niedriger Zinsen und entsprechend magerer Renditen haben Amerikas Banken nun aber das Spiel mit dem Feuer wieder aufgenommen. Sie steigen zunehmend in das riskante Geschäft mit hypothekenbesicherten Anleihen ein.Angefeuert werden die Kreditinstitute von keinen geringeren Akteuren als US-Präsident Donald Trump und dessen Finanzminister Steve Mnuchin. Die beiden wollen das faktische Monopol knacken, welches die Wohnbaufinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac über den derzeit noch überschaubaren Markt haben. Am besten gleich durch die Privatisierung der Branchengiganten, die nach der Krise verstaatlicht wurden.Als vor über einer Dekade die Preisblase am US-Häusermarkt zerplatzte, löste dies einen tiefen Wertverlust bei sogenannten Mortgage-Backed Securities (MBS) und Collateralized Debt Obligations (CDOs) aus. Der Markt für Anleihen, die mit Häuserkrediten (MBS) besichert sind, und für Wertpapiere, die auch mit anderen Zahlungsversprechen (CDOs) unterlegt sind, krachte in sich zusammen. Banken, die diese Wertpapiere hielten, stürzten in eine existenzielle Krise. Nur das staatliche Bankenrettungsprogramm TARP konnte den Zusammenbruch des Finanzsystems verhindern.Um einer Wiederholung der Krise vorzubeugen, setzte die Regierung von Präsident Barack Obama schärfere Regularien durch. Zudem verabschiedete der Kongress das Dodd-Frank-Gesetz, womit der Grundstein für die neue Finanzmarktarchitektur gelegt wurde. Der Markt für die MBS war nach deren Verstaatlichung ausschließlich eine Domäne von Fannie Mae und Freddie Mac. Banken und Wertpapierhäuser, die sich schon einmal die Finger verbrannt hatten, hätten die “toxischen Ramschanleihen” ungeachtet der strikteren Finanzregulierung ohnehin wie die Pest gemieden. Größere RisikobereitschaftVor dem Hintergrund weltweit niedriger Zinsen, billigen Geldes und der daraus resultierenden Bereitschaft der Kreditinstitute, sich wieder zaghaft aufs Glatteis zu begeben, hat sich in den vergangenen Jahren aber eine Rückkehr zur fahrlässigeren Darlehensvergabe angebahnt. Nichtbanken, die kaum Regulierung unterliegen und nur über dünne Kapitalpolster verfügen, vermitteln wieder jene sogenannten “Low-Doc Loans”, die seinerzeit die Krise ausgelöst hatten. Gemeint sind damit Hypothekendarlehen, bei denen der Einkommens- und Vermögensnachweis des Antragstellers deutlich geringeren Dokumentierungsanforderungen unterliegt und die folglich riskanter sind.Zunehmend wagen auch Banken die Rückkehr zu dem gefährlichen Geschäft mit MBS. Sie kaufen Hypothekendarlehen vom Geldgeber, bündeln diese in Wertpapiere und verkaufen die Titel an Investoren weiter. Zwar stellt der heutige Markt im Umfang von weniger als 80 Mrd. Dollar nur einen kleinen Bruchteil jener 1,2 Bill. Dollar an hypothekenbesicherten Anleihen dar, die vor dem Ende der Häusermarktblase im Umlauf waren. Gleichwohl weisen Ökonomen darauf hin, dass der Markt für MBS, in dem sich Branchengiganten wie J.P. Morgan Chase, Citigroup, Wells Fargo, Goldman Sachs und sogar die britsche Barclays Bank wieder tummeln, etliche Gefahren birgt.Anders als die vom Fiskus verbürgten Obligationen, die Freddie Mac und Fannie Mae auf den Markt werfen, unterliegen die von den privatwirtschaftlichen Banken emittierten Anleihen komplett dem Marktrisiko und der Möglichkeit eines erneuten Preissturzes. Zwar gilt eine Wiederholung des Desasters von vor zwölf Jahren als unwahrscheinlich. Gleichwohl gestalten sich die Erholung und der Preisanstieg am US-Häusermarkt seit über einem Jahr schleppend. Sollten sich die wachsenden Rezessionsängste bewahrheiten, dann könnte dies auch den Immobilienmarkt hart treffen. Gefahren lauernGefährlich könnte die Entwicklung aber auch deshalb werden, weil Trump und sein oberster Kassenwart Mnuchin nicht nur das Dodd-Frank-Gesetz zu kippen beziehungsweise auszuhöhlen versuchen, sondern nun auch Fannie Mae und Freddie Mac marginalisieren wollen. Vor wenigen Wochen stellte die Regierung einen Plan zur Privatisierung der staatlichen Finanzierungsunternehmen vor.Demnach sollen die beiden gegen Zahlung einer regelmäßigen Gebühr vom Fiskus in Krisenzeiten eine Finanzspritze erhalten. Laut Plan sollen außerdem die privaten Banken wieder uneingeschränkten Zugang zum Markt für hypothekenbesicherte Anleihen erhalten. Weitere Einzelheiten des noch groben Konzepts wollte das Finanzministerium nicht vorlegen. Mnuchin beschränkte sich lediglich auf die Behauptung, dass die Rolle des Staates in diesem Sektor zu groß geworden sei. Während viele in Washington “noch zehn oder 20 Jahre am Status quo festhalten würden, fühlen wir uns verpflichtet, etwas zu ändern”, so der Minister.Ein weiteres Risiko sehen Experten darin, dass in einem wankenden Häusermarkt und einem insgesamt schwächeren wirtschaftlichen Umfeld der Trend zu einer unnötigen Verteuerung führen könnte. Schließlich verlangen Anleger eine höhere Risikoprämie für hypothekarisch gesicherte Wertpapiere, hinter denen private Banken stehen, nicht aber der Staat. “Anleger werden deutlich wählerischer sein, wenn es darum geht, zu entscheiden, in welche Hypothekenanleihen sie investieren” meint Jim Parrott, der die Obama-Regierung während der Immobilienkrise beriet.Trotz der lauernden Gefahren halten sich die Risiken jedoch in Grenzen. Zum einen deswegen, weil der Markt noch relativ klein ist. Nach Angaben des Think-Tank Urban Institute werden heute nur knapp über 2 % aller Häuserkredite in Wertpapiere gebündelt. Vor 14 Jahren, kurz vor dem Platzen der Preisblase, waren es mehr als 40 %.