„Ein Finanzplatz braucht die Unterstützung der Politik“
Im Gespräch: Gertrud R. Traud
Finanzplatz im Schulterschluss mit Politik
Helaba-Chefvolkswirtin über Finanzplatzkabinett, Augenhöhe mit Paris und den Malus mangelnder Wettbewerbsfähigkeit
fed/fir Frankfurt
Von Detlef Fechtner und Tobias Fischer, Frankfurt
Der Finanzplatz Frankfurt bedarf der Unterstützung durch die Politik, befindet Helaba-Chefvolkswirtin Gertrud R. Traud. Dass ein neues Finanzplatzkabinett Banker und Politiker zusammenbringt, hält sie für ein gutes Zeichen, doch müsse gewährleistet sein, dass deren Botschaften auch tatsächlich nach Berlin dringen.
Der Finanzplatz Frankfurt tue gut daran, den Schulterschluss mit der Politik zu üben, sagt die Chefvolkswirtin der Helaba, Gertrud R. Traud. Sie begrüßt, dass er jetzt die notwendige politische Aufmerksamkeit erhalte, wie das Finanzplatzkabinett zeige, das jüngst auf Initiative der hessischen Landesregierung ins Leben gerufen wurde. Es führt Politik und Finanzwirtschaft zusammen, um den Standort gemeinsam voranzutreiben. „Nun muss es noch gelingen, mit den Inhalten, die dort diskutiert werden, nach Berlin vorzudringen“, mahnt Traud. „Denn ein Finanzplatz braucht die Unterstützung der Politik.“
Interesse steigt
Das Interesse von Politikern, insbesondere aus Berlin, am hessischen Finanzplatz hatte sich in der Vergangenheit oft in Grenzen gehalten. Spätestens seit dem erfolgreichen Werben für eine Ansiedelung der europäischen Anti-Geldwäsche-Behörde AMLA in Frankfurt, die vor allem einer gemeinsamen Kraftanstrengung von Vertretern aus Finanzwirtschaft und Politik zugeschrieben wird, zeigt sich das Verhältnis aber deutlich enger. „Die Situation der Banken in Deutschland hat sich verbessert. Das hilft auch dem Finanzplatz“, sagt Traud. „Mit dem Interesse an deutschen Banken steigt auch das Interesse am Finanzplatz.“
Die Situation der Banken in Deutschland hat sich verbessert. Das hilft auch dem Finanzplatz.
Das neu geschaffene Finanzplatzkabinett lässt die Finanzwirtschaft nun auf eine weitere Stärkung der Bande zur Politik und entsprechende Schritte zur Stärkung Frankfurts hoffen. Was hierzulande ungewohnt daherkommt, ist im Nachbarland Frankreich längst Usus. „Die französische Politik tut sehr viel für den Finanzplatz Paris und setzt sich explizit dafür ein“, so Traud. Dabei bewege sich der Finanzplatz Frankfurt seit vielen Jahren „auf Augenhöhe mit Paris“.
Aufsichts- und Regulierungshub
Als zusätzliches Pfund, mit dem Frankfurt zudem wuchern könne, sei die Ballung von Regulierungs- und Aufsichtsinstitutionen. „Die Nähe zu Behörden ist ein Asset. Geschäftsleute wollen dorthin, wo die Aufseher sitzen.“ Die AMLA gesellt sich dahingehend zu Deutscher Bundesbank und EZB-Bankenaufsicht, zum Versicherungsregulierer EIOPA und zum grünen Standardsetzer ISSB, die in Frankfurt ihre Stammsitze haben. Hinzu kommt eine starke Präsenz der BaFin. Der Bedarf an Bankmitarbeitern am Finanzplatz sei grundsätzlich hoch, hält Traud fest. „Und wenn die AMLA kommt, müssen auch die Banken nachziehen.“
Zahl der Banker nimmt weiter zu
Die Zahl der Banker in der Mainmetropole wächst seit Jahren gegen den Bundestrend, und sie wächst zumindest vorläufig weiter. Nach Prognosen der Helaba wird die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten bis Ende des Jahres auf rund 73.500 zunehmen. Zum Vergleich: Im Startquartal 2024 waren es demnach noch rund 70.700.
Angesprochen auf eine mögliche Übernahme der Commerzbank durch die italienische Unicredit und potenziellen Folgen für den Finanzplatz Frankfurt sagt Traud: „Ich will mich zu einzelnen Häusern nicht äußern. Aber generell gilt: Konsolidierungen müssen sich nicht negativ auf den Finanzplatz und die Beschäftigung dort auswirken.“
Fachkräftemangel bremst
Als wachstumshemmend für den Bankenstandort Frankfurt wirkt sich ihrer Beobachtung zufolge zunehmend der Fachkräftemangel aus. „Der Beschäftigungsanstieg in Frankfurt wird gebremst durch die demografische Entwicklung“, sagt Traud.
Der große Malus ist die sinkende Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Seit zehn Jahren geht es abwärts, was ein Belastungsfaktor für alle ist, auch für den Finanzplatz.
Als belastend für den Standort nimmt die Helaba-Chefvolkswirtin auch Defizite in punkto wirtschaftlicher Konkurrenzfähigkeit der Bundesrepublik wahr. „Der große Malus ist die sinkende Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Seit zehn Jahren geht es abwärts, was ein Belastungsfaktor für alle ist, auch für den Finanzplatz.“
Bürokratieabbau begrüßt
Um die Konkurrenzfähigkeit zu erhöhen, plädiert sie dafür, sich, sofern es um Bürokratieabbau geht, von der neuen US-Regierung inspirieren zu lassen. „Die Vorgehensweise von Elon Musk ist nicht vorbildlich, aber seine Forderung nach mehr Effizienz in der Verwaltung geht in die richtige Richtung.“
Positiv überrascht habe sie in diesem Zusammenhang „die klare Ansage“ der EU-Kommission, die Berichtspflichten um 25% zu verringern und Bürokratie abzubauen. „Ob das in der EU tatsächlich gelingt, ist eine andere Frage.“ Breit angelegte Vorschläge zur Verringerung von bürokratischen Lasten hat Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen just am Mittwoch unterbreitet.
Volles Programm beim Finanzplatztag
Gertrud Traud ist eine der vielen Vortragenden, die am 3. und 4. März beim Finanzplatztag der Börsen-Zeitung über die Themen diskutieren wird, die Banken, Börsen und Investmentfonds aktuell bewegen. Mit von der Partie sind außerdem Bundesfinanzminister Jörg Kukies, EZB-Bankenaufseherin Claudia Buch, die ESMA-Vorsitzende Verena Ross, KfW-Vorstandschef Stefan Wintels, Commerzbank-Vorstandchefin Bettina Orlopp, Börsen-Vorstandschef Stephan Leithner und viele andere Spitzenvertreter aus der Finanzwelt. Informationen und Anmeldung: live.boersen-zeitung.de.