Wirtschaftswende

Steuerexperten gehen in die Offensive

Führende Experten fordern eine unternehmensfreundliche Steuerpolitik in Deutschland. Misstrauen und Regelungswildwuchs müssen weichen.

Steuerexperten gehen in die Offensive

Steuerexperten gehen in die Offensive

Plädoyer für eine unternehmensfreundliche Haltung von Gesetzgeber und Finanzverwaltung

wf Berlin

Für eine unternehmensfreundliche Haltung in Steuerfragen haben führende Experten bei einem Symposium in Berlin mit Blick auf die Koalitionsverhandlungen geworben. Diejenigen, die die Gesellschaft trügen, seien in die Defensiven geraten, konstatierten die Fachleute. Nötig sei eine Änderung des „Mindsets“. Referent Thomas Eisgruber gab sich kämpferisch: „Man muss wieder beginnen, in den Ring zu gehen.“ Eisgruber lehrt an der Hochschule Stralsund und war lange Jahre in Bayern und Berlin im Finanzministerium tätig.

„Unternehmen schaffen Wohlstand“

Auch Rechtsanwalt Thomas Rödder von Flick Gocke Schaumburg rief dazu auf, für eine neue Grundeinstellung in Verwaltung und Politik zu kämpfen. Steuerrecht sei geprägt von Misstrauen gegenüber Unternehmen. Dies müsse sich ebenso ändern wie die zu hohe Bürokratie. „Die Unternehmen halten den Laden am Laufen. Darauf beruht der Wohlstand.“ Andreas Kortendick von Ypog führte zahlreiche Probleme auf den „Wildwuchs an Missbrauchsvorschriften“ zurück. Viele hätten Angst, etwas falsch zu machen. Dort sieht er viel Potenzial, aufzuräumen. „Wir bauchen gesetzgeberisch ein starkes Zeichen“, verlangte Kortendick. Generalklauseln seien sinnvoller als nicht abgestimmte, detailverliebte Regelungen. Andreas Richter von der Kanzlei Pöllath sieht eine wesentliche Ursache des Misstrauens in den Cum-ex-Fällen und riet zur Aufarbeitung. Dabei spielte die doppelte Erstattung von Kapitalertragsteuer in der Finanzbranche eine Rolle, belastet aber den Unternehmenssektor.

Symposium für Thomas Töben

Mit dem Steuersymposium in Berlin würdigten drei Anwaltskanzleien – Ypog, Pöllath und Flick Gocke Schaumburg – die Lebensleistung von Thomas Töben, der in diesem Jahr sein 70. Lebensjahr vollendet. Der promovierte Betriebswirt und Steuerberater hatte sein Berufsleben früh Kontakt zu Flick Gocke Schaumburg, die Kanzlei Pöllath mit gegründet und ist heute als Mitgründer Off-Councel bei Ypog. Sein thematischer Schwerpunkt ist unter anderem die komplexe Besteuerung von Private-Equity-Fonds. Die unklaren Steuerregelungen und die Praxis der Finanzverwaltung sieht Töben als ein großes Hemmnis, warum Deutschland als Standort für Private-Equity-Investoren oft ausscheidet.

Zu den laufenden Koalitionsverhandlungen zeigte sich die Wissenschaftlerin und Kölner Steuerjuristin Johanna Hey durchaus optimistisch. Den großen Wurf einer Unternehmensteuerreform hält sie für unrealistisch, setzt aber auf pragmatische Änderungen mit spürbarer Wirkung. „Steuern und Sozialabgaben sind zu hoch, die Mitwirkungs- und Berichtspflichten zu umfangreich“, sagte Hey. „Alle Erleichterungen dort zahlen auf den Standort ein.“ Hey bescheinigte Deutschland eine „seltsame Steuerstruktur“. Die Gewerbesteuer als Einnahmequelle für die Kommunen sei immer On-top der eigentlichen Unternehmensbesteuerung gewesen. Heute habe sich Verhältnis umgedreht. Eine weitere Senkung der Körperschaftsteuer lehnt Hey ab. Entlastung würde aber die Anrechnung der Gewerbesteuer auf die Körperschaftsteuer bringen. 2025 erwartet der Staat 42,3 Mrd. Euro aus der Körperschaftsteuer und 95,4 Mrd. Euro Einnahmen aus der Gewerbesteuer.

BZ+
Jetzt weiterlesen mit BZ+
4 Wochen für nur 1 € testen
Zugang zu allen Premium-Artikeln
Flexible Laufzeit, monatlich kündbar.