LeitartikelMobile World Congress

Außenseiter der Party

Für die einstigen Hausherren des Mobile World Congress, Nokia und Ericsson, hat sich Größe nicht ausgezahlt. Ihnen fehlen Agilität und ein resilientes Geschäftsmodell.

Außenseiter der Party

Einst waren die westlichen Telekomausrüster die Hausherrn der weltgrößten Mobilfunkmesse, die in der kommenden Woche in Barcelona die Tore öffnet. Inzwischen haben sie die Schlüssel weitergereicht. Auf dem Mobile World Congress (MWC) erinnert nur noch der Name an die Initiatoren, die Musik auf der Tech-Show spielt längst woanders. Dies nicht nur, weil es der Messe im Gegensatz zu gescheiterten Rivalen wie der Cebit gelungen ist, ihre Gravitationskraft für globale Schwergewichte der Digitalwirtschaft ebenso zu entfalten wie für aufstrebende Technologie-Start-ups, sondern auch weil die arg geschrumpfte Zunft der Telekomausrüster mehr denn je um ihr Geschäftsmodell kämpft.

Mehr Fluch als Segen

Für die beiden skandinavischen Anbieter Nokia und Ericsson, die über Jahre die Konsolidierung der Branche vorangetrieben und Wettbewerber wie Nortel und Alcatel-Lucent aus dem Markt gedrängt bzw. aufgekauft haben, hat sich Skalierung nicht ausgezahlt. Im Gegenteil: In dem zyklischen Geschäft mit Telekommunikationsausrüstung wird Größe regelmäßig zum Fluch, wenn ein Investitionsschub der Netzbetreiber ausläuft – oder erst gar nicht richtig anläuft, weil diese selbst knapp bei Kasse sind, was vor allem für die europäischen Player gilt. Sowohl die Finnen als auch die Schweden flüchten sich seit Jahren von einer Rosskur in die nächste, weil sie sparen müssen, um ihre üppigen Budgets für Forschung und Entwicklung zu finanzieren. Dabei ist es ihnen dennoch nicht gelungen, überzeugend von den Sanktionen des Westens gegen die zuvor zum Branchenprimus aufgestiegene Huawei zu profitieren, obwohl sie als „Vollsortimenter“ den lukrativen US-Markt praktisch unter sich aufteilen können.

Agile Ikone

Dagegen kann die chinesische Technologie-Ikone, die im Gegensatz zu Ericsson und Nokia noch immer auf zwei großen Säulen ruht, der Telekommunikationsnetztechnik und der Smartphone-Sparte, trotz harter US-Sanktionspolitik weiterhin glanzvoll auftrumpfen. Nach einem kurzen Einbruch ist es den Chinesen gelungen, das Blatt geschäftlich zu wenden. Im vergangenen Jahr blickt der Konzern auf einen Umsatzzuwachs von mehr als einem Fünftel, die Infrastrukturdivision zeigt sich robust, die Consumer-Sparte ist zurück auf Wachstumskurs, heißt es aus dem Unternehmen. Die Chinesen haben einen erheblichen Kraftakt geschafft: Zum einen konnten sie den Ausfall von Google-Software durch einen eigenen App-Store für ihre Kunden kompensieren. Zum anderen haben sie das Potenzial im großen Heimatmarkt und in aufstrebenden Ländern wie Indien erfolgreich ausgeschöpft. Letzteres gilt auch für die Infrastruktursparte.

Stärkster Ausdruck der Agilität und Innovation bei Huawei ist der Ausbau der Automotive-Sparte, die 2024 bereits externe Investoren aufgenommen hat und dabei mit 16 Mrd. Dollar bewertet wurde. Die Chinesen sind, vor allem im Heimatmarkt, bei Steuerungstechnik, Sensorik und auf Zukunftsfeldern wie autonomes Fahren bereits eine ernst zu nehmende Konkurrenz für globale Automobildienstleister wie Bosch oder Continental.

Starke Abhängigkeit

Dagegen ist es weder Ericsson noch Nokia bisher gelungen, ihre starke Abhängigkeit vom zyklischen Kerngeschäft nennenswert zu reduzieren. Diversifikationsversuche durch Zukäufe haben sich nicht bewährt. Ericsson musste Vonage, die größte Akquisition der Firmengeschichte, zur Hälfte abschreiben. Nokia hat in einen Zickzack-Kurs kleinere Firmen gekauft und wieder abgestoßen. Die Finnen sind im Kerngeschäft so unter Druck, dass CEO Pekka Lundmark seinen Hut nehmen muss.

Zudem ist das Duopol der Skandinavier in Auflösung. In einer Reihe von Geschäftsfeldern sind agile neue Wettbewerber wie Samsung oder Mavenir auf dem Vormarsch. Die größte Gefahr geht allerdings von Big Tech aus. Hyperscaler wie Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure und Google Cloud profitieren vom zunehmenden Anteil der sogenannten Software Defined Networks und drohen den etablierten Ausrüstern das Wasser abzugraben. Ihre Software-Expertise und Finanzkraft treffen auf einen wachsenden Markt, wo in der Netztechnik höhere Margen zu erzielen sind als in der klassischen Hardware.

Mobile World Congress

Außenseiter der Party

Von Heidi Rohde

Für die einstigen Hausherren des Mobile World Congress, Nokia und Ericsson, hat sich Größe nicht ausgezahlt. Ihnen fehlen Agilität und ein resilientes Geschäftsmodell.

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