Der Schlusspunkt des Umbaus
Siemens
Der Schlusspunkt des Umbaus
Von Michael Flämig
Wofür steht Siemens? Ältere Semester assoziieren den Konzern mit Mobiltelefonen, die heutige Generation landet bei Waschmaschinen oder Gaskraftwerken. Doch diese Produkte haben nichts mehr mit dem operativen Geschäft zu tun. Das Unternehmen hat sich mit dem Amtsantritt Joe Kaesers 2013 radikal umgebaut. Ein Dutzend Jahre später steht dieses Werk vor der Vollendung, indem sein Nachfolger Roland Busch den Wandel mit operativem Leben füllt. Der Kauf der US-Firma Dotmatics illustriert diesen Schlusspunkt, der ein Neuanfang sein wird.
Auf den ersten Blick erscheint diese These gewagt. Gut, mag man sagen: Siemens gibt 5 Mrd. Dollar für einen Software-Spezialisten im Bereich Life Sciences aus, das ist eine Menge Geld – zumal kurz zuvor der 10-Mrd.-Euro-Kauf der US-Firma Altair vollzogen wurde. Auch die Multiples mögen besonders sein, kann man argumentieren. Je nach Naturell führen sie zu einem anerkennenden Heben der Augenbrauen oder zu einer Schwindelattacke. Wer das 16-Fache des Umsatzes auf den Tisch legt, muss entweder abgehoben oder sehr überzeugt sein.
Kerngeschäft geht vor
Aber warum soll eine Firma, die bisher nur Spezialisten kannten, ein Schlusspunkt und Neuanfang sein? Die Antwort lautet: Weil der Dotmatics-Kauf nur ein Teil eines größeren Plans ist. Im Jahr 2025 geht der Vorstand aufs Ganze.
Einerseits wird Siemens auf das Kerngeschäft ausgerichtet. Dotmatics passt deswegen in dieses Schema, weil sich Siemens mit dem Spezialisten einen neuen Markt für Digital Industries erschließt. Andererseits nimmt der Vorstand verstärkt Abschied von dem Identitätsstifter Medizintechnik. Die Beteiligung an Siemens Healthineers wird mit dem Dotmatics-Erwerb erneut reduziert. Wie weit die Manager gehen, wird sich erst in Richtung des Kapitalmarkttages im Dezember entscheiden.
Wer auf den verlässlichen und hohen Liquiditätsstrom von Healthineers verzichtet, der muss dem Kapitalmarkt eine gute Alternative bieten. Die Kalkulation: Die Margen im Software-Geschäft können dies leisten. Offen ist, in welcher Konzernstruktur dies geschieht.