ZF-Vorstandschef Holger Klein

Mitten im Kampf gegen schwere Altlasten

Für den Vorstandsvorsitzenden Holger Klein steht fest: Der Fahrzeugzulieferer ZF muss an seinen Grundfesten rütteln. Das liegt vor allem an Fehlern in der Vergangenheit.

Mitten im Kampf gegen schwere Altlasten

Mitten im Kampf gegen schwere Altlasten

Von Joachim Herr, München

In manchen Passagen ist es eine Blut-, Schweiß- und Tränenrede, als Holger Klein das Jahr 2024 Revue passieren lässt und seinen Blick nach vorn richtet. „Wir haben keine andere Möglichkeit, als an den Grundfesten von ZF zu rütteln, dieses großartige Unternehmen gründlich zu durchleuchten und gemeinsam herauszufinden, was der Weg in eine gute und aussichtsreiche Zukunft ist“, mahnte der Vorstandsvorsitzende des Fahrzeugzulieferers in der Bilanzpressekonferenz vor zwei Wochen. Er unterstrich die Worte mit einem Auf und Ab seiner Hände.

Die Veranstaltung fand wie in den Vorjahren ausschließlich online statt. Klein (55) im dunkelgrauen Anzug, weißem Hemd ohne Krawatte, Brille mit blauem Rand, von der Kamera frontal ins Bild gesetzt, wandte sich indirekt auch an die Beschäftigten: „Uns ist dabei vollkommen bewusst, dass das mit großen Anstrengungen einhergeht und dass wir sehr viel von unseren Mitarbeitern verlangen.“

Proteste gegen die Konzernleitung

11.000 bis 14.000 Arbeitsplätze in Deutschland will das Unternehmen bis Ende 2028 abbauen. Im vergangenen Jahr sei ZF auf diesem Weg schon gut vorangekommen. So sieht es Klein. Ende Dezember waren es noch 52.000 Stellen hierzulande – rund 4.000 weniger als ein Jahr zuvor. Als Gegenrezept startete der Betriebsrat im vergangenen Herbst die Initiative „Ideenschmiede“. Die Vertretung der Arbeitnehmer schätzt, dass die bisher mehr als 750 Spar- und Effizienzvorschläge aus der Belegschaft ein Potenzial von mehreren 100 Mill. Euro haben.

Auf Kleins Abbauplan reagierten Tausende Beschäftigten im vergangenen Jahr mit dem Vorwurf von Missmanagement und Protestaktionen – sowohl am Hauptsitz in Friedrichshafen am Bodensee als auch an anderen Standorten wie Saarbrücken und Mannheim. Der Vorstandsvorsitzende beteuert, die Kritik und die Sorgen um Arbeitsplätze und Zukunft sehr ernst zu nehmen. Er schlägt die Brücke zu den Zielen des Managements und wirbt um Verständnis: „Daher ist uns wichtig, dass wir die langfristige Wettbewerbsfähigkeit von ZF sichern.“

„Die Vorstände jammern“

Auf dem Videoportal You Tube sind die Reden in der Pressekonferenz von Klein und Finanzvorstand Michael Frick 1.869 Mal abgerufen worden. Dazu gibt es drei Kommentare. Ein Verfasser findet beide Vorstände wenig überzeugend. Sie jammerten über „die bösen Kunden“, die Elektroautos nicht haben wollten. Immerhin hält er den zwei Managern zugute, „wenigstens die hohen Kosten für 10 Mrd. Schulden klar benannt“ zu haben. Und dieses Defizit hätten nicht nur Klein und Frick zu verantworten.

Mehr als 10 Mrd. Euro Schulden

ZF leidet nicht nur wie andere Zulieferer und die Autohersteller darunter, dass die Nachfrage nach Elektroautos in Deutschland und in anderen europäischen Ländern sowie in Nordamerika viel langsamer wächst, als erwartet und erhofft. Den Konzern drückt eine enorm hohe Nettoverschuldung: Ende 2024 waren es 10,5 Mrd. Euro. Die Eigenkapitalquote schrumpfte auf 19,2%. Das Ende der Nullzinsphase Mitte 2022 verschärfte die Schwierigkeiten: Allein im vergangenen Jahr musste ZF etwa eine halbe Mrd. Euro Zinsen zahlen. Auch der Stellenabbau ist teuer: 2024 wurden Rückstellungen von rund 600 Mill. Euro für Restrukturierungskosten gebildet. Unter dem Strich steht ein Nettoverlust von 1 Mrd. Euro.

Seit 2018 im Vorstand

Grund für die hohen Schulden sind in erster Linie zwei milliardenschwere Akquisitionen aus einer Zeit, als Kapital sehr günstig zu beschaffen war: TRW Automotive, ein Anbieter von Sicherheitstechnik und Elektronik, 2015 und Wabco, Hersteller von Bremssystemen für Lkw, fünf Jahre später. Gesamter Kaufpreis: mehr als 19 Mrd. Dollar.

Die Integration von TRW hatte Holger Klein geleitet. Das ging schneller als geplant. Der promovierte Wirtschaftsingenieur war 2014 nach mehr als 16 Jahren als McKinsey-Berater zu ZF gewechselt. 2017 wurde er Leiter der Division Pkw-Fahrwerktechnik. Seit 2018 gehört Klein zum Vorstand, war also an der Entscheidung für den Kauf von Wabco beteiligt. Bis zu seinem Sprung auf den Vorsitz Anfang 2023 leitete er von Schanghai aus die Regionen Asien-Pazifik und Indien. Zudem war er für die Produktion weltweit verantwortlich.

Unrentable Projekte

ZF hat sich nicht nur mit den großen Akquisitionen Probleme ins Haus geholt. Im Wettbewerb um Aufträge für die Elektromobilität setzte sich ZF unter Kleins Vorgänger Henning Scheider bisweilen mit Kampfpreisen durch. Das rächt sich nun. Klein macht keinen Hehl aus den großen Schwierigkeiten, formuliert es aber lieber positiv: „Es gibt durchaus auch profitable E-Mobilitätsprojekte.“

Mit der Trennung von Geschäftssparten wie ZF Lifetec (Airbags und Gurte) und mit der Hilfe von Partnerunternehmen will Klein den Stiftungskonzern agiler und profitabler machen – gerade in der Elektromobilität. Sein Ziel: „Wir wollen den großen Tanker ZF in eine starke Flotte von wendigen Schnellbooten transformieren.“ Bis dahin und zu einer Entschuldung ist der Weg weit. Das wird noch viel Schweiß und wohl auch Tränen kosten.

BZ+
Jetzt weiterlesen mit BZ+
4 Wochen für nur 1 € testen
Zugang zu allen Premium-Artikeln
Flexible Laufzeit, monatlich kündbar.