Carbonfasern tiefrot

Der neue SGL-Chef Klein hat zum Start ein dickes Problem auf dem Tisch

Der neue SGL-Chef Andreas Klein muss vom Start weg als Krisenmanager ran. Denn die Verlustlöcher im Carbonfasergeschäft müssen gestopft werden. Für große Pläne zur Strategie bleibt da vorerst kein Raum.

Der neue SGL-Chef Klein hat zum Start ein dickes Problem auf dem Tisch

Der neue SGL-Chef hat gleich ein dickes Problem auf dem Tisch

hek Frankfurt
Von Helmut Kipp

Die Startbedingungen für Andreas Klein könnten kaum herausfordernder sein. Während anderen, die zum Vorstandschef aufsteigen, einige Monate für die Einarbeitung vergönnt sind, muss der neue CEO des Kohlefaserspezialisten SGL Carbon gleich als Krisenmanager ran. Denn die zweitgrößte Sparte Carbonfasern steckt in ernsten Schwierigkeiten. Auch nach fast 100 Tagen im Amt bleibt kein Raum für große Überlegungen zur Strategie. In den nächsten sechs, zwölf oder 18 Monaten stünden die Marktherausforderungen und das notwendige Gegensteuern auf der Kostenseite im Vordergrund, stellt Klein auf Nachfrage klar. Auf eine Art Regierungserklärung des seit Jahresanfang amtierenden Chefs müssen Mitarbeiter und Aktionäre also vorerst warten.

Ausblick von SGL Carbon enttäuscht

Auch am Aktienmarkt weht dem neuen Spitzenmann der Wind ins Gesicht. Den Ausblick für 2025 quittierten Investoren vor zwei Wochen mit einem Kursrutsch. Das spiegelt vor allem die schwache Entwicklung des Siliziumcarbid-Geschäfts wider – Folge von Verzögerungen bei der Einführung neuer Elektroauto-Modelle, der generellen E-Auto-Absatzflaute und verstopfter Lager. Kleins Losung, Umsatz und Rentabilität in schwierigem Marktumfeld zu sichern, klingt für Anleger wenig verheißungsvoll. Die Deutsche Bank strich ihre Kaufempfehlung. Die Börsenkapitalisierung bewegt sich klar unter einer halben Milliarde Euro.

Seit eineinhalb Jahren im Konzern

Zugute kommt dem Manager, dass er das Unternehmen inzwischen bestens kennt. Der 1982 in Bonn geborene Klein ist aber alles andere als ein SGL-Urgestein. Seine bisherige Verweildauer ist mit eineinhalb Jahren eher kurz. Klein kam im Oktober 2023 als Leiter des Geschäftsbereichs Graphitlösungen zu dem in Wiesbaden ansässigen Unternehmen. Offenbar machte er seine Sache so gut, dass der Aufsichtsrat ihn nach gut einem Jahr an die Firmenspitze beförderte und mit einem Dreijahresvertrag ausstattete. Wobei der Leiter des mit Abstand größten Segments bei einer internen Besetzung naturgemäß zum Kandidatenkreis für den Chefposten gehört.

Neben seiner Industrieerfahrung überzeugte Klein mit seiner Expertise in Marketing, Strategie und Supply Chain. Mit Thomas Dippold hat er einen starken Finanzvorstand an seiner Seite, dessen Vertrag im vergangenen November um fünf Jahre verlängert wurde. Klein behält die Segmentverantwortung für Graphite Solutions, was zum Ausdruck bringen soll, dass der Vorstand näher an das operative Geschäft heranrückt.

Lanxess-Connection

Wie Vorgänger Torsten Derr, der zum Spezialglas- und Glaskeramikhersteller Schott wechselte, machte Klein Karriere beim Chemiekonzern Lanxess, einer Abspaltung von Bayer. Der studierte Diplom-Kaufmann, der auch einen Master of Business Administration im britischen Bradford machte, begann seine Laufbahn 2003 bei dem Pharma- und Agrarkonzern und arbeitete ab 2005 für Lanxess, zunächst als Produktmanager und dann als Marketing- und Verkaufsleiter einzelner Einheiten. Von 2017 bis 2022 war er für Marketing & Sales der Lanxess-Tochter Saltigo verantwortlich. Sein damaliger Chef war Derr, bis dieser Anfang Juni 2020 zu SGL ging. Zuletzt leitete Klein den Lanxess-Geschäftszweig Anorganische Säuren.

Vorgänger Torsten Derr wechselte zum Spezialglas- und Glaskeramikhersteller Schott. Foto: Schott

SGL scheitert mit Verkausplänen

Dass SGL nach „strategischen Optionen“ für das Segment Carbonfasern sucht, wissen Investoren und Mitarbeiter seit Februar 2024, also seit gut einem Jahr. Doch es fand sich niemand, der den Geschäftsbereich unter seine Fittiche nehmen wollte. Da die Verkaufsbemühungen scheiterten, muss der Konzern den Verlustbringer nun im Alleingang sanieren. Der Geschäftsbereich umfasst sieben Standorte in Europa und Nordamerika, davon drei in Deutschland. Schon jetzt ist klar: Die Restrukturierung wird schmerzhaft für Mitarbeiter und teuer für SGL. Das Unternehmen veranschlagt die Liquiditätsbelastung durch die Restrukturierung auf 50 Mill. Euro über die nächsten zwei Jahre.

Sorgenkind statt Zukunftshoffnung

Auf Klein kommen angesichts der bevorstehenden Standortschließungen schwere Entscheidungen zu. Dabei verkörperten die Carbonfasern einst die Zukunftshoffnung des ursprünglich auf Graphitelektroden für die Herstellung von Elektrostahl und Kathoden für die Aluminiumindustrie spezialisierten Unternehmens. Sie galten aufgrund ihres geringen Gewichts und ihrer Festigkeit als Werkstoff der Zukunft für Elektroauto-Karosserien. Um die Versorgung mit diesem Material abzusichern, bauten Volkswagen und BMW sogar größere Aktienbeteiligungen auf. Doch diese Geschichte ist tot. BMW nahm den mit Carbon-Fahrgastzelle ausgestatteten i3 vom Markt, SGLs margenstarker Vertrag mit dem Autobauer lief aus. Die Absatzlücke sollte eigentlich mit Aufträgen der Windradhersteller gefüllt werden, doch in diesem Markt gibt es derzeit riesige Überkapazitäten. Aus China heraus würden ganze Windräder verschifft, nicht nur Rotorblätter, berichtet Klein.

BZ+
Jetzt weiterlesen mit BZ+
4 Wochen für nur 1 € testen
Zugang zu allen Premium-Artikeln
Flexible Laufzeit, monatlich kündbar.