Ein Pragmatiker kehrt zurück zur Commerzbank
In der Haut von Carsten Schmitt dürften derzeit die wenigsten stecken wollen. Mitten im Abwehrkampf gegen eine Übernahme durch einen europäischen Konkurrenten als Finanzvorstand anzutreten, ist keine Aufgabe für opportunistische Karrieristen. Aber vielleicht hat die Commerzbank ja genau deshalb die richtige Wahl getroffen.
Schmitt, der auf der Bilanzpressekonferenz in der vergangenen Woche erstmals neben Konzernchefin Bettina Orlopp auf dem Podium stand, sei der Commerzbank „sehr verbunden“, sagt ein langjähriger Kollege. Nachdem er im Herbst 2021 im Gefolge des früheren Commerzbank-CFO Stephan Engels als Head of Group Strategy and Group M&A zur Danske Bank gewechselt war, steht er seit dem 1. Februar wieder bei den Gelben unter Vertrag.
Analytiker und Motivator
Zuvor hatte Schmitt sein ganzes Berufsleben in den Diensten der Commerzbank gestanden. Nach der Ausbildung zum Bankkaufmann in seiner Heimat Hamburg fing Schmitt kurz vor der Jahrtausendwende als Trainee im Bereich Corporates & Markets in Frankfurt an. Bereits vier Jahre später übernahm er die Teamleitung im Untersegment Structuring & Trading, bevor er von Ende 2006 an für die Übernahme und Integration der ehemaligen Essen Hyp und Eurohypo als Co-Projektleiter verantwortlich zeichnete.
Der ehemalige Kollege aus dem Projekt in Essen beschreibt Schmitt als „sehr analytisch und gründlich“; er wolle Dinge durchdringen. Mit Hierarchien halte er nicht unnötig auf, er gehe direkt auf Menschen zu und zeichne sich durch rhetorische Stärke aus: „Er schafft es, Leute hinter sich zu bringen und zu motivieren.“ Auch eine frühere Kollegin aus Schmitts Zeit bei Group Finance sagt, er sei „offen und ehrlich“.
Kommunikationsstärke und Empathie machten ihn zu einem „exzellenten Leader“. „An Entscheidungsstärke mangelt es ihm nicht, er kann sehr gut zuhören und ist ein brillanter Kopf“, sagt die Commerzbankerin, die heute in einem anderen Bereich arbeitet. In seiner Zeit als Bereichsvorstand begleitete Schmitt unter anderem die Vollakquisition der Comdirect aus Sicht der Finanzfunktion und erarbeitete die neue organisatorische Aufstellung der Finanzabteilung.
Erster öffentlicher Auftritt überzeugt
„Carsten Schmitt ist menschlich wie fachlich eine hervorragende Ergänzung“, sagte Orlopp in ihrer Rede vergangenen Donnerstag. Vor Journalisten stellte er in souveränem Stil die jüngsten Geschäftszahlen der Bank vor, auch wenn er erst seit 1. Februar an Bord ist. Das von ehemaligen Kollegen und Mitarbeitern bescheinigte Charisma bekamen die anwesenden Journalisten ebenfalls zu spüren; Schmitt zeigte sich mit Dauerlächeln und keineswegs so steif, wie man es von manch anderen Finanzvorständen kennt. Somit ist es auch glaubhaft, wenn Schmitt als jemand beschrieben wird, der Menschen – egal welcher Altersklasse – schnell für sich gewinnen kann.
Fusionsgespräche als Nagelprobe
Kommunikationsfähigkeit ist für Vorstände essenziell, insbesondere in krisenartigen Situationen. Es gilt, Zukunftsängste einzudämmen und die Belegschaft auf Herausforderungen einzuschwören. Dabei bescheinigen Weggefährten Schmitt durchaus Pragmatismus. So sei er im Frühjahr 2019 an den Fusionsgesprächen mit der Deutschen Bank beteiligt gewesen. Laut seinem Ex-Kollegen habe er bei dieser Nagelprobe politisches Geschick bewiesen. „Er hat bewiesen, dass er nicht nur mit der Dampfwalze unterwegs, sondern auch politisch begabt ist.“
Stuhl könnte bald wackeln
Es spricht also einiges dafür, dass Schmitt der richtige Mann ist für den Job bei der Commerzbank, deren Eigenständigkeit auf der Kippe steht. Im Fall der Fälle könnte es jedoch sein, dass sich der 47-Jährige höheren Kräften wird beugen müssen. Denn wenn Unicredit-Chef Andrea Orcel seine Pläne umsetzen sollte, dürfte der Finanzvorstand bei der Commerzbank einer der ersten sein, an dessen Stuhl gesägt wird.