Für die ING lässt Stoy den Anzug gerne mal Anzug sein
Für die ING lässt Lars Stoy
den Anzug gerne mal Anzug sein
Von Tobias Fischer, Frankfurt
Seinen ersten öffentlichen Auftritt in neuer Funktion als ING-Deutschland-Chef hat Lars Stoy tadellos über die Bühne gebracht. Gerade mal fünf Wochen in Amt und Würden, gab sich der frühere Deutschbanker auf seiner ersten Jahrespressekonferenz Anfang Februar unprätentiös und bescheiden und stellte sich mit den lapidaren Worten „Ich bin der Neue“ vor.
Respekt vor der Aufgabe
Trotz seines eloquenten und selbstbewussten Auftritts ließ Stoy durchschimmern, dass ihn die neue Verantwortung nicht kalt lässt. Hätte sich die Möglichkeit geboten, ein paar Wochen mehr bis zum ersten Auftritt vor der Presse verstreichen zu lassen, dann hätte er nicht Nein gesagt. Doch als Wahlrheinländer sei ihm das Kölsche Grundgesetz seit einigen Jahren wohlbekannt. „Da steht ja drin: Et kütt wie et kütt.“
Ganz so jovial wie sein Vorgänger Nick Jue, kam Lars, der Neue, dann doch nicht rüber. Der Niederländer, der die einstige DiBa nach der Übernahme durch die ING zur zeitweise populärsten Direktbank machte, nahm viele durch seinen lässigen Auftritt ein. Ein Stück weit dürfte dies seiner Herkunft geschuldet sein. In niederländischen Unternehmen gelten Hierarchien nicht viel. Den Chef an der Kaffeemaschine im Büro zu duzen und seine Entscheidungen nicht bloß hinter vorgehaltener Hand kritisch zu hinterfragen, ist dort seit jeher gelebte Praxis.
Duz-Kultur und Großraumbüro
Stoy, der zuletzt das deutsche Privatkundengeschäft der Deutschen Bank leitete, ist anders sozialisiert. Dennoch gab er sich alle Mühe zu vermitteln, dass er die Unternehmenskultur der ING bereits verinnerlicht habe. Großraumbüro sei er gewohnt, nehme er doch seit vielen Jahren nicht mehr im Einzelbüro Platz, sondern suche den Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen. Duz-Kultur sei ihm seit mehr als einem Jahr nicht fremd. „Und den Anzug mal Anzug sein zu lassen, gefällt mir ganz gut“, bekundete er, in Jeans und Sakko gekleidet, und schob verschmitzt hinterher: „Sie werden sich nämlich wundern: Zu Hause trage ich auch keinen.“
Doch dass die rheinische „Et kütt wie et kütt“-Mentalität ihre Grenzen hat, ließ er erkennen, als es um harte Zahlen, Daten, Fakten ging, die er, wie er sagt, so liebt. Und natürlich um die Frage, wie die „60-jährige Erfolgsgeschichte“ der ING hierzulande fortzuschreiben sei. Sein Vorgänger Jue hat die Messlatte hoch gelegt. 2023 lieferte die ING Deutschland das bislang beste und 2024 das zweitbeste Ergebnis der Unternehmensgeschichte ab. Mit freundlicher Unterstützung der historischen Zinswende, mit der sich der Euroraum 2022 aus dem Nullzins-Jahrzehnt verabschiedet hat.
Fischen bei der Generation Z
Stoy, der seine Karriere 1994 bei der Commerzbank startete, viele Jahre bei der BHW Bausparkasse arbeitete und 2017 in den Vorstand der damals noch nicht in den Deutsche-Bank-Konzern integrierten Postbank einzog, machte deutlich, dass er die ING auf Wachstumskurs halten will. Dafür will er einerseits bei der Generation Z nach neuen Kunden fischen, andererseits bestehende Kundenbeziehungen vertiefen, etwa im viel umworbenen Bereich der Affluents, die mit einem verfügbaren Vermögen von etwa 100.000 bis 500.000 Euro ausgestattet sind.
Dabei setzt die ING auch künftig auf Angebote, die ein gutes Gewissen verheißen. „Auch wenn es ein gefühltes Nachhaltigkeits-Rollback gibt, unterstützen wir weiterhin die grüne Transformation“, so Stoy bei seinem Debüt als Deutschlandchef.