Liefervertrag mit HKM gekündigt

Stahlsparte von Thyssenkrupp zieht die Reißleine

Thyssenkrupp Steel Europe zieht die Konsequenz aus dem gescheiterten Verkauf von HKM. Der Liefervertrag mit dem Stahlkocher, an dem die Stahlsparte 50% der Anteile besitzt, wird gekündigt.

Stahlsparte von Thyssenkrupp zieht die Reißleine

Nach dem gescheiterten Verkauf der Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM) schlägt Thyssenkrupp Steel einen neuen Weg ein. In einem ersten Schritt wird zunächst der Liefervertrag mit HKM gekündigt. Dazu gab der Aufsichtsrat am Freitag im Rahmen einer außerordentlichen Sitzung grünes Licht. Bislang bezieht Thyssenkrupp Steel Europe (TKSE) jährlich 2,5 Millionen Tonnen Stahl von dem Stahlkocher, an dem die Stahlsparte von Thyssen 50% der Anteile hält, die andere Hälfte gehört Salzgitter (30%) und der französischen Vallourec.

Angesichts einer Kündigungsfrist von sieben Jahren wird die Kündigung spätestens Ende 2032 wirksam. TKSE folgt damit dem Beispiel von Vallourec, die Ende 2021 vergleichbar vorgegangen war. Die Franzosen nehmen noch bis Ende 2028 Stahl aus der HKM-Hütte ab. HKM zählt 3.000 Beschäftigte und produziert jährlich gut 4 Millionen Tonne Stahl. Die im Duisburger Süden hergestellten Brammen und Randstrangguss gehen an die Gesellschafter. Daran ändert sich vorerst nichts.

Verkauf bleibt bevorzugte Option

Gleichwohl betont TKSE, dass ein Verkauf weiterhin die bevorzugte Option sei. Man befinde sich in „ausgewählten Gesprächen“, sagte Stahlchef Dennis Grimm ohne näher auf etwaige Investoren einzugehen. Der Rückzug aus dem Gemeinschaftsunternehmen HKM sei Teil des umfassenden Zukunftskonzepts der Stahlsparte von Thyssenkrupp. Bei einem Verkauf der Gesellschaft wären die Abnahmeverträge mutmaßlich hinfällig. „Wir sind zu Gesprächen mit allen ernsthaften Interessenten bereit“, erklärte Grimm im Anschluss an die außerordentliche Aufsichtsratssitzung.

Ursprünglich wollte Thyssenkrupp Steel ihre Beteiligung an HKM und damit im Prinzip die Gesellschaft an CE Capital veräußern. Doch der Deal platzte im Februar. Laut IG Metall fehlte die Breitschaft der Hamburger Beteiligungsgesellschaft, frisches Kapital einzuschießen. „Es war und ist unser vorrangiges Ziel, die Unternehmensteile an HKM zu verkaufen, um dem Unternehmen und seinen Beschäftigten eine Zukunftsperspektive zu geben“, hatte Thyssenkrupp Steel seinerzeit mitgeteilt.

Fingerzeig auf Salzgitter

Dabei bleibt es vorerst. Die angedrohte Schließung ist damit aber noch längst nicht vom Tisch. TKSE gehe davon aus, dass „die Gesellschafter der HKM nun in gemeinsamer Verantwortung für die Beschäftigten des Unternehmens den weiteren Weg gestalten“, sagte Grimm. Erhöht wird damit der Druck auf Salzgitter. „Wir fordern den Gesellschafter Salzgitter auf, sich ebenfalls klar zu positionieren, wie er mit der HKM weiter verfahren möchte“, sagte Grimm.

Auch die Niedersachsen hatten zuletzt angeführt, dass die HKM-Gesellschafter Gespräche über eine alternative Lösung führten. Salzgitter beziehe von dem Hüttenwerk „eine nicht unerhebliche Menge“, hatte Salzgitter-Chef Gunnar Groebler gesagt. Wenn man HKM schließen wolle, müsse geklärt werden, wo das bezogene Material in Zukunft herkommen solle. HKM alleine weiterzubetreiben, kommt für Salzgitter allerdings nicht infrage.

Trennung „zwingend“

„Wir brauchen Klarheit und Transparenz für die HKM und ihre Beschäftigten“, wird die Aufsichtsratsvorsitzende Ilse Henne zitiert. Die Kündigung des Liefervertrags sei der nächste, konsequente Schritt, um die Verbindung zu HKM zu lösen. Auch Grimm stellt die Trennung von HKM als „zwingend“ dar, „um eine wettbewerbsfähige Kostenposition zu erreichen“.

Der Ausstieg bei HKM ist für TKSE ein bedeutender Aspekt, um die angekündigte Kapazitätsreduktion von derzeit noch 11,5 auf 8,7 bis 9 Millionen Tonnen zu bewerkstelligen. Die Kündigung des Liefervertrags sei ein wichtiger Punkt, um Einsparungen bei den Fixkosten zu erreichen. Diese taxierte Grimm auf einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag.

Vorgezogene Betriebsratswahlen

Im Zuge der umfassenden Restrukturierung der Stahlsparte von Thyssenkrupp, die den Abbau bzw. die Ausgliederung von 11.000 Jobs vorsieht, zieht nun auch der Betriebsrat am Zentralstandort im Duisburger Norden Konsequenzen: Die Betriebsratswahlen werden um acht Monate auf Juni dieses Jahres vorgezogen. Auf diesem Weg wolle sich der Betriebsrat den Rücken stärken lassen, um „geschlossen in die kommenden Auseinandersetzungen gehen“ zu können, heißt es kämpferisch in einer Mitteilung. Die Zusammenlegung von Funktionsbereichen und die Entlassung von 14 Direktoren in der vorigen Woche habe gezeigt, „mit welcher Härte die angekündigte Restrukturierung vollzogen werden soll“.

Derzeit verhandelt das Management mit den Arbeitnehmervertretern über die Ausgestaltung des im November vorgestellten Eckpunkteplans. Das Ergebnis der Verhandlungen ist maßgeblich für alle weiteren Schritte. Bislang beharrt die IG Metall auf der Forderung nach einem Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen und Standortschließungen. Erst wenn ein Verhandlungsergebnis vorliegt, kann der Business Plan geschrieben werden. Dieser ist Basis für das anzufertigende Sanierungsgutachten (IDW-S6).