„Eine liquide Alternative zu London“
Im Gespräch: Robbert Booij und Erik Müller
„Eine liquide Alternative zu London“
Der Eurex-CEO und der Eurex-Clearing-Chef über Marktanteile im Euro-Clearing, Bewegung am kurzen Ende und
regulatorischen Rückenwind
Grob 20% des Marktes im Euro-Clearing hat die Eurex in den vergangenen Jahren erobert, maßgeblich unterstützt durch ihr Partnerschaftsprogramm. Nun spürt sie zudem regulatorischen Rückenwind. Auch hat sie ein „Schwester-Partnerprogramm“ lanciert und kann am kurzen Ende der Laufzeitenkurve Geschäft anziehen.
Von Detlef Fechtner, Frankfurt
Die Terminbörse Eurex ist zuversichtlich, ihren Marktanteil im Euro-Clearing zu steigern. Aktuell liegt die Deutsche-Börse-Tochter nach eigenen Angaben, gemessen am ausstehenden Volumen, bei 35 Bill. Euro, das entspricht grob 20% des Marktes. „Es ist uns tatsächlich gelungen, im Euro-Clearing diese liquide Alternative zu London zu schaffen“, unterstreichen Erik Müller, der Vorstandsvorsitzende von Eurex Clearing, und Eurex-CEO Robbert Booij im Gespräch mit der Börsen-Zeitung.
Viele im Markt hatten das Vorhaben der Eurex, einen Teil des Geschäfts in Euro-denominierten Derivaten von London nach Frankfurt zu holen, zunächst skeptisch beäugt. Durch das vor acht Jahren initiierte Partnerschaftsprogramm gelang es jedoch, Marktanteile zu erobern. „Wir haben den Marktteilnehmern ein Angebot gemacht: Die zehn Akteure, die uns am aktivsten dabei helfen, eine liquide Alternative in Euro-denominierten Derivaten auf- und auszubauen, belohnen wir mit Governance, nämlich einem Sitz im Aufsichtsrat des Clearinghauses, und Teilhabe an den Erträgen“, erinnert Müller.
Politische Kontroverse
Unmittelbar nach der Finanzkrise wurde, insbesondere seitens der Europäischen Zentralbank, die politische Debatte darüber entfacht, ob es sein dürfe, dass ein äußerst kritisches Element in der Prozesskette des Derivatehandels − eben das Euro-Clearing − nahezu ausschließlich in London stattfinde. Spätestens mit dem Brexit-Referendum im Juni 2016 hat die Diskussion darüber an Fahrt gewonnen, dass ein größerer Teil des Clearings von Euro-Zinsderivaten doch besser auf dem Kontinent stattfinden sollte, um nicht im Falle einer Schieflage mit milliardenschwerer Liquidität unterstützen zu müssen, ohne dass EU-Institutionen an den Entscheidungen beteiligt wären. Die EU-Gesetzgeber, also Rat und EU-Parlament, haben seither die Derivate-Verordnung mehrfach angepasst.
„Eurex kann von neuen EU-Vorgaben profitieren“, erläutert Müller. Denn mit der Novelle der Derivate-Verordnung, also Emir 3.0, müsse jeder, der in Euro-Derivaten unterwegs ist, einen Teil seines Geschäfts innerhalb der EU verrechnen. Die EU fordert ein „aktives Konto“ bei einem EU-Clearinghaus. Und dafür biete sich die Eurex an, ist Müller überzeugt, „weil wir ein kapitaleffizientes Angebot offerieren können“. Denn: „Wir sind die Heimat des Euro – the home of the Euro.“
Ab Juni müssen die Marktteilnehmer die Anforderungen von Emir 3.0 erfüllen. Jüngst ist mit der Veröffentlichung des Regulatorischen Technischen Standards Klarheit geschaffen worden, was der Regulierer verlangt. Das spiegele sich schon in den Eurex-Kennziffern wider, berichtet Müller: „Wir sehen bereits in den Zahlen für Januar und Februar kräftiges zweistelliges Wachstum.“
Unterstützung beim Onboarding
„Wir besprechen sehr intensiv mit Marktteilnehmern, wie wir ihnen den Zugang zur Eurex weiter erleichtern können“, erläutert Eurex-CEO Booij. Eurex investiere Geld in Onboarding, um zu gewährleisten, dass der Wechsel zu ihr störungsfrei verlaufen könne. „Zudem sprechen wir mit Regulierern und Aufsehern, welche Hindernisse es noch im Regelwerk gibt.“
Booij nennt ein Beispiel: In den Niederlanden und Luxemburg gebe es Ausnahmeregeln für den Eigenhandel, die Marktteilnehmern aus Nicht-EU-Staaten erlauben, ihr Geschäft auch in Europa zu betreiben, ohne einer Zulassungspflicht zu unterliegen. „Darüber sprechen wir auch mit Regulierern hierzulande – und finden dafür durchaus Gehör“, sagt Booij.
Anreize für Marktteilnehmer am kurzen Ende
Zudem habe die Eurex „ein Schwester-Partnerschaftsprogramm zum ursprünglichen Programm“ lanciert, nämlich für die Short-Term Interest Rates, also die STIRs. Denn Emir 3.0 beziehe sich ja auch auf das kurze Ende. „Wir können auch hier schon mit, wie ich finde, recht eindrucksvollen Zahlen aufwarten“, sagt Müller. In ESTR habe die Eurex im Open Interest bereits einen Marktanteil von 30%, in Euribor von 5%. „Fast täglich denkt irgendeine mittelgroße Bank darüber nach, Teile ihres Buchs von London nach Frankfurt zu verlagern“, so Müller.
„Wir bieten Clearing für die komplette Yield Curve, also für alle Laufzeiten“, unterstreicht Booij. Das bedeute, die Kunden könnten ihren Sicherheiten-Topf so einsetzen, dass sie ihre Risiken kapitaleffizient managen könnten: „Und darauf kommt es für sie ja an.“ Booij beobachtet, dass angesichts zunehmender Unsicherheiten in der Weltpolitik das generelle Interesse wachse, sich mit dem Thema Risikomanagement auseinanderzusetzen „und sich somit auch unsere Produkte anzuschauen“.
Beitrag zur Finanzstabilität
Müller ergänzt: „Politiker haben erfahren und gelernt, dass zentrale Gegenparteien eine wichtige Rolle spielen, um Finanzstabilität zu gewährleisten.“ Es werde anerkannt, dass die Eurex dazu einen wichtigen Beitrag liefere.
Nicht zuletzt deshalb sind Booij und Müller mit Blick auf das Geschäft optimistisch: „Es gibt noch ein gewaltiges Potenzial.“ Denn bisher werde nur ein kleiner Teil beispielsweise der FX-Märkte über CCPs verrechnet. „Wir sehen in Zukunft also definitiv noch mehr Geschäft.“