„Billionen liegen unproduktiv auf Tagesgeldkonten herum“
„Billionen liegen unproduktiv auf Tagesgeldkonten herum“
Die mangelnde Tiefe des hiesigen Kapitalmarkts sei hausgemacht, sagt Chef der Deutschen Börse in der Diskussion mit Topmanagerinnen und -managern
Von Anna Sleegers, Frankfurt
Für die dringend erforderliche Vertiefung des europäischen Kapitalmarkts braucht es einen Mentalitätswandel der Bevölkerung. Zu diesem Fazit kam ein prominent besetztes Panel auf dem Finanzplatztag der Börsen-Zeitung. Kein gutes Haar am Anlageverhalten der Europäer im Allgemeinen und insbesondere der Deutschen ließ der Chef der Deutschen Börse, Stephan Leithner.
An Geld mangelt es nicht
„Das Geld ist ja da“, konstatierte Leithner. Doch unfassbar hohe Summen seien kurzfristig im Geldmarkt angelegt, sagte er unter Berufung auf Zahlen aus dem Letta-Report. „In Europa liegen 11 Bill. Euro unproduktiv auf Tagesgeldkonten herum“, beklagte er. Deutschland weise zusätzlich eine riesige Lücke auf, weil das Problem der kapitalgedeckte Altersvorsorge noch immer nicht adressiert worden ist.
Aber es fehlt an Gelegenheiten
Zwar hat die abgewählte Bundesregierung mit dem Vorstoß für die Aktienrente bereits Vorarbeit geleistet, um das defizitäre Umlagesystem zu entlasten. Anja Mikus, Chefin des zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung gegründeten Staatsfonds Kenfo, bezweifelt aber, dass sich in absehbarer Zeit etwas bei dem Thema tut. „Ich bin zu lange beim Staat beschäftigt, um darauf zu hoffen“, sagte sie. Die Folgen für die Kenfo-Anlagepolitik seien unerfreulich. „Ich höre oft, dass wir mehr in Deutschland investieren sollen“, so Mikus. Dafür fehle es jedoch an Gelegenheiten, zumal auf der Aktienseite. So seien etwa im breiten MSCI-Index US-Unternehmen mit 71% gewichtet, deutsche gerade mal mit 2%.
Investoreninteresse vorhanden
Auch KfW-Chef Stefan Wintels beobachtet einen Mangel an Investitionsmöglichkeiten in der deutschen Volkswirtschaft. „Das internationale Interesse dafür ist ohne Zweifel vorhanden“, stellte er fest. Er hoffe, dass die neue Bundesregierung an Zukunftsfonds und WIN-Initiative anknüpften, um die Finanzierungsbedingungen für hiesige Start-ups zu verbessern – und der Partizipation privater Anleger an deren künftigen Wachstum, was am Ende auch der Weiterentwicklung des Kapitalmarkts diene.
Wahlausgang als Meilenstein
Laut Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp hatte die Politik im Wahlkampf ein offenes Ohr für die Finanzbranche. Nun müsse die neue Regierung rasch handeln: „Wir brauchen dringend ein positives Sentiment für Deutschland.“ Der Wahlausgang, der die Bildung einer Regierungskoalition aus zwei Parteien erlaube, sei ein wichtiger Meilenstein für Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit, sagte Souâd Benkredda, Kapitalmarktvorständin der DZ Bank. Das sei auch international wahrgenommen worden, ergänzte sie unter dem Eindruck einer Asienreise. Den einen Befreiungsschlag, um den Knoten zu lösen, gebe es nicht. Man müsse an vielen verschiedenen Punkten ansetzen.
„Um privates Kapital für die Altersvorsorge zu mobilisieren, braucht es zum Beispiel eine bessere Finanzbildung.“ Dem schloss sich UBS-Deutschland-Chef Tobias Vogel an. „Die Deutschen sind viel zu sehr auf Kapitalgarantien fixiert, die einfach viel zu teuer sind“, konstatierte er. Deshalb müsse man in der Bevölkerung Verständnis dafür schaffen, dass der Verzicht darauf langfristig höhere Renditen ermögliche.