Digitalisierung und Standort

Deutschland verliert bei Hochtechnologie an Boden

China und Indien fassen zunehmend in der Spitzentechnologie Fuß und finden Anschluss an die Industrieländer. Deutschland ist hier im Konkurrenzfeld einen Platz abgerutscht. Und KI wird die Wettbewerbspositionen ganz neu verteilen., warnt die Unctad.

Deutschland verliert bei Hochtechnologie an Boden

Verschärfte Technikkonkurrenz

Deutschland fällt im Unctad-Index für technologische Spitzenstandorte einen Platz zurück

lz Frankfurt

China und Indien fassen zunehmend in der Spitzentechnologie Fuß und finden Anschluss an die Industrieländer. KI wird die Wettbewerbspositionen dabei völlig neu verteilen. Große Verlierer sind die Entwicklungsländer, warnt die Unctad in einer Studie.

Die deutsche Wirtschaft hat im vergangenen Jahr nach einer Marktstudie der internationalen Handelsorganisation Unctad einen Platz unter den Hochtechnologieländern eingebüßt. Beim entsprechenden Standortranking (Readiness-Index for Frontier Technologies) liegt sie inzwischen auf dem achten Platz hinter der Schweiz und Südkorea. An der Spitze stehen nach wie vor die USA, Schweden und Großbritannien.

Der Index kombiniert Indikatoren für den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT), Kompetenzen, F&E-Aktivitäten, industrielle Kapazitäten und den Zugang zu Finanzmitteln, um ein umfassendes Maß für die Bereitschaft eines Landes für Spitzentechnologien abzubilden.

China und Indien holen auf

Wie die Unctad schreibt, haben die Industrieländer ihre Position zuletzt sogar noch weiter gefestigt, weil die neuen Technologien wie künstliche Intelligenz (KI), Robotic und Quantencomputing hohe Investitionen voraussetzen und eine solide, engmaschige Infrastruktur. Allerdings stoßen China und Indien immer weiter vor in die Spitzengruppe. Deutschland hat danach vor allem Defizite im Bereich digitale Infrastruktur und bei der Finanzierung von Hochtechnologie.

Aber noch kann Deutschland etwa bei den Cloud-Infrastrukturen gut mithalten. Sie sind mitentscheidend für den Erfolg von KI, weil darin das „Training“ der digitalen Modell-Entitäten stattfindet und entsprechende Angebote für die KI-Nutzer verankert sind. China liegt hier mit 190 Cloud-Infrastrukturanbietern unangefochten auf dem ersten Platz vor den USA, Australien und Indien. Deutschland folgt immerhin auf dem fünften Rang vor Japan, Kanada und Großbritannien.

Allerdings holen manche Länder auch jenseits ihrer „Einkommensposition“ deutlich auf, schreibt die Unctad. Genannt werden neben China etwa Brasilien, Indien und die Philippinen. Große Länder hätten zwar einen niedrigen Anteil an Entwicklern, aber dennoch eine beträchtliche Anzahl, sodass sie darauf KI-Vorteile aufbauen können. Die USA stellen in der Summe die meisten Fachleute, gefolgt von Indien und China. Und China, so die Unctad, habe noch einen weiteren Vorteil: Die digitale Infrastruktur wächst schnell, hinzu komme die gute Erschwinglichkeit und schiere Menge von Daten.

Sorge um Entwicklungsländer

Der hohe Investitionsbedarf bei KI und die Konzentration der Technologie auf wenige Unternehmen und Ländergruppen ist nach Ansicht von Unctad-Generalsekretärin Rebeca Grynspan gleichwohl ein großes Problem. Bis 2033 soll KI einen Marktwert von bis zu 4,8 Bill. US-Dollar erreichen. Aber nur 100 Unternehmen, hauptsächlich in den USA und China, seien für 40% der weltweiten F&E-Ausgaben der KI-Unternehmen verantwortlich. Führende Technologiegiganten wie Apple, Nvidia und Microsoft hätten jeweils einen Marktwert von rund 3 Bill. Dollar, was dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) des gesamten afrikanischen Kontinents entspreche. Grynspan: „Marktbeherrschung auf nationaler und Unternehmensebene kann die technologische Kluft vergrößern und dazu führen, dass viele Entwicklungsländer Gefahr laufen, die Vorteile der KI zu verpassen.“

KI wird nach Abschätzung der Unctad bis zu 40% der globalen Jobs betreffen und enorme Produktivitätssteigerungen ermöglichen. Manche Arbeitsplätze könnten durch die KI-Automatisierung sogar wieder in Industrieländer zurückverlagert werden, warnt die Chefin der Handelsorganisation, wenn der Wettbewerbsvorteil der Niedriglohnarbeit entfällt. Deshalb müssten sich die Entwicklungsländer selbst – aber auch die Industrieländer – darum kümmern, dass Investitionen in Umschulung, Weiterbildung sowie in die Anpassung der Arbeitskräfte getätigt werden.

Schon aus Gründen der Kaufkraft in den künftigen Absatzmärkten sei dies auch im Interesse der Industrieländer und der großen Techkonzerne, heißt es. Darum müsse sichergestellt sein, dass „KI integratives Wachstum fördert, statt die Kluft zu vertiefen“.

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