Krisensignale und neue Alarmrufe in der deutschen Wirtschaft
Krisensignale und neue Alarmrufe
100 Wirtschaftsverbände rufen künftige Koalitionäre zu Reformen auf – Immer mehr Arbeitsplätze gehen verloren
Die deutsche Wirtschaft hat die designierte neue Regierungskoalition noch einmal dringend zu Reformen aufgerufen. 100 Verbände schlossen sich dem Aufruf an, in dem auf die immer dramatischere Lage des heimischen Standorts verwiesen wird. Allein 2024 sind in der Industrie 68.000 Jobs verloren gegangen.
ahe Berlin
In einer beispiellosen konzertierten Aktion haben 100 deutsche Wirtschaftsverbände – darunter auch die vier großen Spitzenverbände – die Alarmglocke in Richtung der designierten Koalitionäre CDU/CSU und SPD geläutet. In einer gemeinsamen Erklärung verwiesen sie darauf, dass sich die wirtschaftliche Lage am Standort Deutschland in den vergangenen Wochen noch einmal „dramatisch zugespitzt“ habe. In den laufenden Koalitionsverhandlungen zeigten sich die Politiker von diesen Entwicklungen aber scheinbar unbeeindruckt, hieß es.
Wirtschaft sieht dringenden Reformbedarf in vier Bereichen
„Ihre bisherigen Zwischenergebnisse sind unzureichend und tragen der sich zuspitzenden Lage in den Unternehmen und Betrieben nicht Rechnung. Was bislang vorliegt, ignoriert in vielen Bereichen die wachsenden wirtschaftlichen Herausforderungen“, lautet die Generalkritik, die mit dem dringenden Appell für strukturelle Reformen einhergeht. Den dringendsten Bedarf sehen die Verbände in der Unternehmensbesteuerung, den sozialen Sicherungssystemen, im Bereich der Bürokratie sowie der Energiepolitik.
Die Analyse der Verbände ist klar: Handelskonflikte eskalierten, die Inflation steige, das Wachstum schwäche sich weiter ab. Überall verdichteten sich die Krisensignale, hieß es in der gemeinsamen Erklärung. Inzwischen sei die Arbeitslosigkeit bei der Drei-Millionen-Marke angekommen. „Die Fakten sind unbestreitbar. Deutschland steckt in einer schweren wirtschaftlichen Krise. Der Vergleich mit anderen Ländern zeigt, dass diese Krise vor allem hausgemacht ist.“

Mit neuen Zahlen untermauerte am Mittwoch auch das Statistische Bundesamt die schwierige Lage des Standortes Deutschland. Demnach sind allein im vergangenen Jahr 68.000 Industrie-Arbeitsplätze verloren gegangen. Ende 2024 gab es noch rund 5,5 Millionen Beschäftigte in den Betrieben des verarbeitenden Gewerbes (mindestens 50 Mitarbeiter) – das waren 1,2% weniger als noch im Jahr zuvor. Im Vergleich zu 2018 waren es sogar 3,0% weniger Jobs.
„Zeichen einer Deindustrialisierung“
Ein „klares Zeichen einer Deindustrialisierung“ sieht in dieser Entwicklung Sebastian Dullien, der wissenschaftliche Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), der prognostiziert, dass der Stellenabbau auch 2025 weiter anhalten wird. Betroffen seien der Automobilbau und seine Zulieferer, der Maschinenbau und die Chemiebranche. Die deutsche Industrie stehe durch geopolitische Verschiebungen unter Druck, so Dullien. Denn sowohl China als auch die USA wollten ihre eigene Industrie stärken.
Die Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD wurden am Mittwoch in der bayerischen Landesregierung weiter fortgesetzt. Die Wirtschaftsverbände verwiesen die Politiker mit Blick auf die gelockerte Schuldenbremse und dem neuen Sondervermögen noch einmal darauf, dass Schulden allein noch keine Probleme löse. Ohne tiefgreifende Reformen werde es keinen nachhaltigen Aufschwung geben. „Es darf in den Koalitionsverhandlungen nicht darum gehen, wer sich symbolisch durchsetzt“, stellten die 100 Verbände klar. Es komme vielmehr darauf an, für das Land die Weichen für mehr Wachstum und Beschäftigung zu stellen.
Stellenstreichungen in fast allen großen Industriebranchen
In der Industrie gab es 2024 Stellenstreichungen in fast allen großen Branchen. Überdurchschnittlich fiel der Rückgang bei Herstellern elektrischer Ausrüstungen (3,6%) und Metallerzeugnissen (2,9%) aus. In der Kunststoffindustrie und in der Automobilindustrie sank die Beschäftigtenzahl um jeweils 2,4%, im Maschinenbau um 1,2%.
Es müsse sich lohnen, in Deutschland ein Unternehmen zu führen, betonten die 100 Verbände in ihrer Erklärung. Wenn die künftige Bundesregierung das nicht schnell und konsequent ermögliche, werde sich der wirtschaftliche Abschwung in den kommenden Jahren nicht mehr aufhalten lassen.