Japans Währung am Scheideweg
Yen
Japans Währung am Scheideweg
Von Martin Fritz
Allein die Spekulation über ein zweites Plaza-Abkommen könnte den Yen erheblich nach oben hebeln.
Ungeachtet aller ökonomischen Turbulenzen erwarten die Unternehmen in Japan nur eine leichte Aufwertung ihrer Heimatwährung. Im neuen Geschäftsjahr (ab 1. April) stellen sie sich laut der jüngsten Tankan-Umfrage auf durchschnittliche Wechselkurse von 147,1 Yen zum Dollar und 157,5 Yen zum Euro ein. Der Abstand zu den aktuellen Kursen beträgt nur wenige Prozent. Diese Einschätzung der Manager schließt aber größere Schwankungen nicht aus. Im Sommer des Vorjahres zum Beispiel ließ der massenhafte Ausstieg aus Yen-Carry-Trades die japanische Währung innerhalb weniger Monate um 10% nach oben schnellen.
Starker Dollar, schwacher Yen
Die Erfahrung lehrt, dass sich Japans Währung am ehesten erholt, wenn der Dollar schwächelt. So geschah es 2017 im ersten Amtsjahr von Trump, als der Dollar-Index um 10% fiel und der Yen entsprechend aufwertete. In seiner zweiten Präsidentschaft will Trump den Dollar dauerhaft schwächen, um die US-Exporte anzukurbeln, womöglich durch ein zweites Plaza-Abkommen, einen „Mar-a-Lago-Pakt“. Nach dem Plaza-Deal vom September 1985 wertete der Yen binnen zwölf Monaten um satte 30% zum Dollar auf. Allein Spekulationen über einen Mar-a-Lago-Pakt drohen Japans Währung daher erheblich zu verteuern, selbst wenn sich der Devisenmarkt nicht mehr so leicht manipulieren lässt wie vor 40 Jahren.
Am Jahresanfang erwarteten die Bullen einen Anstieg der japanischen Währung auf 140 Yen je Dollar und argumentierten, der Yen sei im Verhältnis zu Japans wirtschaftlichen Fundamentaldaten überverkauft. Die Bären sagten eine Abschwächung auf 160 Yen je Dollar voraus, weil der Dollar höhere Renditen und robusteres Wachstum verspreche. Bisher kann sich keine Seite bestätigt fühlen, der Wechselkurs verharrt in der Mitte zwischen diesen Prognosen. Denn Japan wächst langsamer und die Zweifel an der Robustheit der US-Wirtschaft wachsen. Der Yen steht damit an einem „interessanten Scheideweg“, wie es Fondsmanager Vincent Chung von T. Rowe Price zutreffend formulierte.
Ende einer Ausnahmesituation
Auf der einen Seite liegen die Auswirkungen der Trump’schen Handelspolitik auf Inflation und Wachstum in den USA im Nebel. Droht den USA womöglich eine Rezession? Wie kräftig wird sie ausfallen? Steht den USA eine Phase der Stagflation wie in den 1970er Jahren bevor? Aufgrund der Sprunghaftigkeit von Trump lassen sich zuverlässige Prognosen kaum abgeben. Es zeichnet sich aber das Ende des bisherigen Narrativs ab, dass die USA eine ökonomische Ausnahmenation sind. Die Verlangsamung des Wachstums könnte daher einen Kapitalabfluss aus US-Aktien auslösen und den Dollar schwächen.
Auf der anderen Seite sollte die geplante Straffung der japanischen Geldpolitik die Währung der Inselnation stärken. Angesichts der hartnäckigen Inflation bei verarbeiteten und frischen Lebensmitteln bleibt der Notenbank kaum eine andere Wahl, als den Leitzins entgegen dem internationalen Trend zu erhöhen. Inzwischen rechnen Analysten mit einem Anstieg von aktuell 0,5% auf 1,25% im nächsten Jahr. Sollte die Fed ihrerseits den US-Zinssatz senken und in der Folge die Renditedifferenz zwischen japanischen und US-Staatsanleihen schrumpfen, würde der Yen mit großer Wahrscheinlichkeit aufwerten.
Gefahr für Japans Lohn-Preis-Spirale
Doch auch diese Vorhersage steht auf schwankendem Grund. Die japanische Währung ist nicht nur anfällig für eine globale Konjunkturschwäche. Eine Festigung des Yen würde die Bilanzgewinne vieler japanischer Unternehmen im Exportgeschäft drücken, was sich meist negativ auf ihre Investitionspläne auswirkt. Diese Ausgaben tragen ein Viertel zum Bruttoinlandsprodukt bei. Auch könnten die Unternehmen weniger bereitwillig als zuletzt die Löhne erhöhen. Aus Sicht der Verbraucher sollte der Inflationsdruck abnehmen, da ein teurer Yen Importe verbilligt. Die Zentralbank will zwar nicht auf Devisenbewegungen reagieren. Aber wenn eine Yen-Aufwertung die Aufwärtsspirale aus Preisen und Löhnen bremst oder stoppt, müssen die Notenbanker ihre nächste Zinserhöhung wohl auf Eis legen. Egal wie man die Angelegenheit betrachtet: Der Yen dürfte 2025 volatil bleiben.