LeitartikelStart-up-Förderung durch Universitäten

Schluss mit dem ewigen Hinterherhecheln

Dass sich vier Hochschulen im Rhein-Main-Gebiet zusammentun, um die regionale Gründerszene zu stärken, ist zwar nett gemeint. Ein Blick auf die Zahlen im nationalen wie internationalen Vergleich zeigt aber, dass die Ambitionen dahinter noch viel zu klein sind.

Schluss mit dem ewigen Hinterherhecheln

Start-up-Förderung

Schluss mit dem Hinterherhecheln

Von Carolin Kassella

Es wirft kein gutes Licht auf den Zustand der hiesigen Start-up-Förderung, dass sich gleich vier Hochschulen zusammentun müssen, um die erforderlichen PS auf die Straße zu bringen.

Vier Hochschulen im Rhein-Main-Gebiet tun sich zusammen, um Schwung in die regionale Gründerszene zu bringen. Mit Blick auf die Forschungsschwerpunkte ist die Bandbreite zwischen Gutenberg-Universität Mainz, Frankfurt School, Goethe-Universität Frankfurt und der TU Darmstadt teilweise sehr groß, reicht von Medizin über BWL und Finance hin zu Jura und Geisteswissenschaften. Das ist zu begrüßen, denn es kommt der Diversität der Start-up-Szene zugute. Zudem dürften sich dank der Beteiligung der im MINT-Bereich renommierten Darmstädter auch Gründer aus den wichtigsten Zukunftsfeldern Technologie, KI und Ingenieurswesen angesprochen fühlen.

Gründungsgeschehen kommt nicht vom Fleck

Es drängt sich jedoch die Frage auf, ob die Initiative zu spät kommt. Denn obwohl die Start-up-Förderung durch Hochschulen in Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer weiter intensiviert wurde, ist bislang nur schwer ein nachhaltiger Effekt auf das Gründungsgeschehen zu beobachten. Laut einer Erhebung von KfW-Research dümpelt die jährliche Zahl der Existenzgründungen seit 2017 um die Marke von 600.000 herum. Der Trend ist für Gründungen im Voll- und Nebenerwerb in etwa gleichläufig.

Das ist ein dramatischer Rückgang gegenüber den Jahren 2002 und 2003, in denen mehr als doppelt so viele Gründungen gezählt wurden. 2003 lag die Zahl mit 1,5 Millionen auf dem höchsten Niveau. Start-up-Verbände mahnen die Gründe für den Rückgang immer wieder an: zu hohe bürokratische Hürden, eine im internationalen Vergleich zu kleine Venture-Capital-Szene und Probleme, qualifizierte Mitarbeiter oder Mitgründer zu finden. Letztere bleiben oftmals lieber an Gründerzentren im Ausland. Denn dort finden sie neben höheren Investitionssummen nicht selten auch mehr Know-how vor – gerade in forschungsnahen Feldern.

Top-Hochschulen in Europa kopieren US-Ansatz bereits

Das zeigt insbesondere der Blick in die USA. Dort hat sich die Kooperation mit Forschungszentren an den Elite-Universitäten der Ivy League für eine Vielzahl kommerziell erfolgreicher Start-ups als erster, unverzichtbarer Baustein erwiesen. Das gilt vor allem für naturwissenschaftliche Bereiche und Medizin-Start-ups. Die Zahl der Gründer ist unter Absolventen führender Business Schools zudem überproportional hoch.

Die besten Business Schools in Europa haben das schon vor Jahren erkannt und versuchen seither, diesen Ansatz zu kopieren. Die renommiertesten Adressen, darunter London Business School sowie HEC Paris und Insead in Frankreich oder die Mailänder Bocconi-Universität, unterhalten bereits erfolgreich Entrepreneurship-Zentren. Viele junge Unternehmen, die dort entstanden sind, haben inzwischen Marktreife erlangt. Die jüngste Initiative aus dem Rhein-Main-Gebiet versucht, diesem Vorbild hinterherzuhecheln. Man fragt sich, warum sich die Hochschulen nicht schon vor fünf oder zehn Jahren zusammengetan haben, um die Gründungstätigkeit zu fördern.

Höhere Ambitionen wären angebracht

Es wirft kein gutes Licht auf den Zustand der hiesigen Start-up-Förderung, dass sich gleich vier Hochschulen zusammentun müssen, um die erforderlichen PS auf die Straße zu bringen. Und es belegt erneut, dass einzelne US-Universitäten in ganz anderen Größenordnungen denken. Dort würde man über den Vorschlag, dass sich beispielsweise Harvard und das MIT zusammentun, um erfolgreiche Start-ups hervorzubringen, nur laut lachen. Auch vor diesem Hintergrund sollte sich die Rhein-Main-Initiative höhere Ziele stecken. Bis 2030 wollen die vier Hochschulen mit ihrer „Future Factory“ 1.000 Neugründungen hervorbringen. Jede Hochschule käme also pro Jahr im Schnitt auf die überschaubare Zahl von 50 Start-ups.

München und Berlin meilenweit voraus

Bei einer Überlebensrate von 50% würden davon bis 2035 gerade einmal 500 übrig bleiben. Das ist selbst im nationalen Vergleich bescheiden. Denn allein die TU Berlin hat zwischen 2014 und 2022 bereits annähernd so viele Neugründungen hervorgebracht. Als Spitzenreiterin kam die TU München bis 2022 bereits auf über 800. Höchste Zeit, auch anderswo den Turbo zu zünden.

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