Start-up ctrl+s will „Shortcut zur Dekarbonisierung“ sein
„Wir wollen der Shortcut zur Dekarbonisierung sein“
Johannes Scholz über die Seed-Finanzierung seines Start-ups ctrl+s und die ungewöhnliche Namenswahl
sar Frankfurt
Von Sabine Reifenberger, Frankfurt
Bei der Arbeit mit Daten gibt es eine zentrale Gefahr: Es werden immer mehr Daten erhoben – und am Ende weiß niemand, was man damit eigentlich anfangen soll. Das gilt auch für die Arbeit mit ESG-Daten, beobachtet Johannes Scholz. Der 41-Jährige hat mit Moritz Nill und Marcel Severith 2022 das Climate-Tech-Unternehmen ctrl+s ins Leben gerufen, später kam Co-Founderin Hannah Billenstein dazu. Das Berliner Start-up kombiniert auf seiner Plattform statistische Modelle mit spezifischen Lieferantendaten, um aufzuzeigen, wo die größten CO2-Einsparpotentiale entlang der Lieferkette liegen.
Kombination aus Daten und Modellen
Oft seien die Unternehmen überrascht, wie groß der Hebel ist: „Viele denken bei CO2-Einsparungen an ihre Reisetätigkeit und nutzen den Zug anstelle des Flugzeugs“, berichtet Scholz. Doch diese Intuition sei oft falsch. „Im Gesamtkontext liegt viel mehr Impact in der Lieferkette.“ Mit seinem Start-up setzt Scholz auf eine Kombination konkreter Lieferantendaten mit statistischen Modellen. „Das ist ein pragmatischer Weg, der es den Unternehmen erspart, bei allen ihren Lieferanten Daten erheben zu müssen“, erklärt Scholz. Man komme dadurch schneller zu Erkenntnissen und damit an den Punkt, an dem sich konkrete Handlungsempfehlungen ableiten lassen.
Seed-Finanzierung des High-Tech Gründerfonds
Die Daten bis in die letzte Nachkommastelle zu erheben, ist aus seiner Sicht nicht der richtige Ansatz: „Viel wichtiger ist es, dass die Daten untereinander vergleichbar sind.“ Vor wenigen Wochen hat ctrl+s sich seine erste Seed-Finanzierung über 1 Mill. Euro gesichert, angeführt vom High-Tech Gründerfonds. Mit der Finanzierung will das Start-up seine Plattform weiter ausbauen. Mehr als 35 Unternehmen nutzen die Plattform den Berlinern zufolge bereits, darunter Siemens und TÜV Süd.
Allerdings hat der regulatorische Druck zuletzt nachgelassen. Viele Unternehmen haben auch die Anforderungen von Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) und Corporate Sustainability Due Diligence (CSDDD) zum Anlass genommen, sich näher mit den Scope-3-Emissionen entlang der Lieferkette zu befassen. Im Zuge der Omnibus-Initiative sorgt die EU an dieser Stelle für Erleichterungen, viele Unternehmen erhalten für die Umsetzung nun mehr Zeit.
Zu viele Anfrage und Fragebögen überfordern gerade Mittelständler schnell.
Johannes Scholz, ctrl+s
Scholz ist nicht beunruhigt darüber, dass die Omnibus-Initiative seinem Start-up Geschäft verbaut: „Viele Unternehmen haben sich eigene Ziele gesetzt, auf die unser Produkt einzahlt“, berichtet er. Für diese Kunden sei Nachhaltigkeit ein Aspekt von Risikomanagement und Resilienz in ihren Lieferketten. Die regulatorischen Vorschriften zu vereinfachen findet er sinnvoll. „Zu viele Anfrage und Fragebögen überfordern gerade Mittelständler schnell“, sagt Scholz. Dann erzeuge man eher eine Abneigung gegen das Thema.
Seiner Beobachtung nach hilft es oft schon, wenn einzelne Kunden oder Lieferanten sich intensiv mit ESG-Zielen befassen: „Dann entsteht automatisch Druck auf die Geschäftspartner entlang der Lieferkette.“
Von der Unternehmensberatung zum Start-up
In den ersten drei Jahren haben die vier Gründer, die sich bei der Arbeit in einer Unternehmensberatung kennengelernt haben, ihr Unternehmen aus Eigenmitteln finanziert. Scholz war vor der Gründung im Data-Analytics-Bereich der Nachhaltigkeitsberatung Systain Consulting tätig. Sein Start-up ctrl+s arbeitet unter dem Motto „We talk numbers“. „Für Algorithmen und den Ansatz, mit Zahlen die Welt zu verstehen, hatte ich schon immer ein Faible“, sagt Scholz, der an der Technischen Universität in Darmstadt Mathematik und Computerwissenschaft studiert hat.
„Es gab schon zig Start-ups, die Begriffe wie Earth, Climate oder Sustainable im Namen hatten.
Johannes Scholz, ctrl+s
Derzeit hat sein Start-up zwölf Beschäftigte, weitere sollen hinzukommen. Das Unternehmen ist Scholz zufolge profitabel, mit der Seed-Finanzierung wollen die Gründe den Vertrieb ausbauen und eine stärkere Skalierung anschieben. Der ungewöhnliche Name „ctrl+s“ war Scholz zufolge das Ergebnis eines längeren Brainstorming-Prozesses. „Es gab schon zig Start-ups, die Begriffe wie Earth, Climate oder Sustainable im Namen hatten“, sagt er. Die Tastenkombination „ctrl+s“ ist PC-Nutzern bekannt als Shortcut für die Speicherung eines Dokuments.
Im Englischen steht der Shortcut für „Save“ – das lässt sich mit Speichern übersetzen, aber auch mit „Rettung“. Um „save the planet“ oder „save emissions“ gehe es aber weniger, betont Scholz. Vielmehr soll der Name den pragmatischen Ansatz des Start-ups wiederspiegeln: „Wir wollen der Shortcut zur Dekarbonisierung sein.“
Hier finden Sie die bislang erschienenen Portraits der Serie Nachhaltigkeit in Person.