Deutsche Bahn sieht sich selbst „in der größten Krise seit 30 Jahren“
„In der größten Krise seit 30 Jahren“
Deutsche Bahn schreibt weiter rot – Hohe Verschuldung trotz Schenker-Verkauf – 150 Mrd. Euro aus Sondervermögen gefordert
Mit harten Sanierungen und Rekordinvestitionen will die Deutsche Bahn nach einem erneut verlustreichen Jahr wieder in die Spur kommen. 2025 will der Konzern zumindest operativ wieder Gewinne verbuchen. Die Schulden sinken, bleiben aber trotz des Schenker-Verkaufs auf einem hohen Niveau.
ahe Berlin
Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, Richard Lutz, sieht sein Unternehmen „in der größten Krise seit 30 Jahren“. Das vergangene Jahr, das der DB-Konzern mit einem Nettoverlust (ohne Schenker) von 1,8 Mrd. Euro abgeschlossen hat, habe den dringenden Sanierungsbedarf noch einmal unterstrichen, sagte Lutz am Donnerstag bei der Bilanzvorlage in Berlin. Sein Finanzchef Levin Holle bezeichnete die wirtschaftliche Lage des Staatskonzerns zugleich als „ausgesprochen ernst“.

Der operative Gewinn – also das bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) – verbesserte sich insbesondere aufgrund von Ausgleichszahlungen des Bundes zwar um rund 1,8 Mrd. Euro. Es blieb aber dennoch ein Minus von 333 Mill. Euro in den Büchern. Einschließlich des hier herausgerechneten Ergebnisses der mittlerweile verkauften Logistiktochter Schenker hätte die DB einen operativen Gewinn von 800 Mill. Euro verbucht. Noch im Sommer hatte der Konzern allerdings ein positives Ebit von 1 Mrd. Euro angekündigt. 2025 sollen nun aber auch ohne Schenker wieder schwarze Zahlen geschrieben werden. Eine genauere Prognose nannte die Bahn nicht.

Der Konzern hatte Schenker im Herbst für 14,8 Mrd. Euro an den dänischen Logistikkonzern DSV verkauft. Das Geld wird nach dem Closing der Transaktion fließen, das für den Sommer erwartet wird. Finanzvorstand Holle bekräftigte, dass die Erlöse aus dem Verkauf voll in die Entschuldung fließen sollen.
Nur noch kleinere Verkäufe
Er erwartet die Nettofinanzschulden, die heute bei 32,6 Mrd. Euro liegen, Ende des Jahres aber nicht unter 20 Mrd. Euro, sondern in einer Spanne von immer noch 26 bis 28 Mrd. Euro. Nach Abzug von Pensionsverpflichtungen erwartet die Bahn seinen Angaben zufolge nur noch Cash-Erlöse von gut 11 Mrd. Euro. Zudem müsse der DB-Konzern für geplante Investitionen 3 Mrd. Euro an neuen Schulden aufnehmen.
Durch den jüngsten Verkäufen von Schenker und Arriva hat die Deutsche Bahn ihre Beteiligungen um mehr als 60% reduziert. Geplant sind jetzt nur noch kleinere Desinvestitionen bei der tiefroten Güterbahntochter DB Cargo, die in einer grundlegenden Transformation steckt.

Im Rahmen der wirtschaftlichen Sanierung soll auch die Verwaltung des Konzerns nachhaltig verschlankt werden. Vorstandschef Lutz sprach von einer „kompletten organisatorischen Neuaufstellung“. Eine bessere Ausgabensteuerung habe schon 2024 die Kosten um rund 450 Mill. Euro gesenkt. 1.000 Vollzeitstellen wurden abgebaut. Insgesamt sollen bis 2027 rund 10.000 Jobs wegfallen.
Die Generalsanierung des Schienennetzes, die im vergangenen Jahr mit der im Endeffekt 1,5 Mrd. Euro teuren Sanierung der Riedbahn begonnen hat, wird fortgesetzt. Die Infrastruktur sei „der eigentliche Krisenherd der Bahn“, sagte Lutz. Geplant sind in diesem Jahr zusammen mit dem Bund Brutto-Investitionen von insgesamt mehr als 20 Mrd. Euro. Das ist ein Rekordwert und eine Verdoppelung innerhalb von acht Jahren.
Künftige Koalition will Änderungen im Vorstand
Der Bahn-Vorstand sieht einen weiteren massiven Mittelbedarf, welche über die ohnehin eingeplanten Gelder aus dem Bundeshaushalt hinausgehen. Lutz sprach von mindestens 80 Mrd. Euro, die in den nächsten zehn Jahren aus dem neuen Sondervermögen kommen könnten. „Für eine Realisierung aller Aus- und Neubauprojekte sowie einer beschleunigten und ausgeweiteten Digitalisierung wären zusammen mit den Mitteln für den Bestand insgesamt circa 150 Mrd. Euro nötig.“
Nicht näher äußern wollte sich Lutz zu bislang bekannt gewordenen Plänen von Union und SPD für die künftige Verkehrspolitik. Diese nehmen zwar von einer Zerschlagung Abstand. Allerdings sollten im Rahmen einer Reform sowohl im Konzern als auch der Infrastrukturtochter InfraGo Vorstand und Aufsichtsrat neu aufgestellt werden.