Diversität ist ein Business-Imperativ
Ansichtssache
Diversität ist ein Business-Imperativ
Von Michael Kramarsch
ESG, kann das weg? Wenn man im Moment den täglichen Schlagzeilen rund um die US-Regierung von Präsident Trump folgt, könnte man meinen, ja. Lassen Sie uns daher gemeinsam einen Blick hinter die Kulissen der Aufregungsökonomie werfen.
It’s the Economy, stupid. Es hätte so schön sein können: Steuern runter, weniger Bürokratie, große Investitionsprogramme. Der Kapitalmarkt und viele Unternehmen hatten bereits Champagner kaltgestellt. Leider ist die Wirtschaftsrealität eine andere. Die amerikanische Regierung hat bereits Billionen an Vermögen vernichtet.
Seit dem sogenannten Liberation Day am 2. April dynamisiert sich ein Handelskrieg, der nur Verlierer produzieren wird. Das trifft in den USA nicht nur „die Reichen“, sondern über Pensionsvermögen sehr viele. Und wie immer werden es die, die am wenigsten haben, am härtesten spüren.
Keine Befreiung
Zölle sind per se natürlich ein vollkommen opportunes Instrument der Wirtschaftspolitik. Wahr ist auch, dass die USA bisher deutlich weniger Zölle und nichttarifliche Handelshemmnisse einsetzen als andere Nationen. Aber mit Zöllen empfiehlt es sich, Schach zu spielen und nicht Hau-den-Lukas. Zölle treiben die Inflation in den USA und senken das Wirtschaftswachstum. Deshalb ist das, was jüngst aus Washington kam, keine Befreiung. Es sorgt vielmehr für anziehende Inflation und eine Rezession, die von der Fed in diesem Szenario nur schwer über Zinssenkungen adressiert werden kann.
Nun die gute Nachricht: Die amerikanische Regierung − gewählt, um Preise zu senken und Jobs zu schaffen − wird diesen Chaos-Kurs keine weiteren sechs Monate durchhalten, sonst erleben wir erneut einen Liz-Truss-Moment.
Beim Thema ESG verhalten sich Aufregung und tatsächliche Gefahr nahezu indirekt proportional. Der Wirbel um Vielfalt, Gleichheit und Inklusion, angelsächsisch kurz DEI, ist riesengroß. Reihenweise nehmen Unternehmen gerade ihre DEI-Policies von den Websites und verstummen.
Im Kern geht es bei DEI um eine diskriminierungsfreie Arbeitswelt, in der diverse Talente wertgeschätzt werden und kooperativ Leistung erbringen. Über die letzten Jahre wurden aber unter DEI in den USA immer mehr positive Diskriminierungspolitiken umgesetzt.
Schon vor zwei Jahren hat der Supreme Court dem einen Riegel vorgeschoben, damals regierten noch die Demokraten im Weißen Haus. Und auch unter der Regierung Biden war beispielsweise die feste Umsetzung einer Frauenquote oder gar eine Verzielung in Vergütungssystemen gesetzlich verboten. Will sagen: Es ist nicht alles gänzlich neu, was wir gerade erleben.
Gelassenheit geboten
Gelassenheit ist also hier das Gebot der Stunde. Die Demografie unserer Gesellschaften erlaubt Unternehmen nicht, DEI außen vor zu lassen. Diversität ist ein Business-Imperativ – sonst könnte es in der Tat weg. Es wird aber künftig weniger im Schaufenster stehen und manche wilden Triebe werden auch zurecht geschnitten. Viel wirkmächtiger sind indes die Versuche, Denk- und Publikationsverbote an amerikanischen Universitäten durchzusetzen. Hier liegt eine Chance für Europa, die besten Forscher anzuziehen, die sich in diesem Umfeld nicht mehr wohlfühlen. Die Länder des Westens können zu „sanctuary societies“ werden, die diesen Talenten einen sicheren Hafen bieten.
Chance für Deutschland
Spoileralarm zum nächsten transatlantischen Aufreger: Dem Klimawandel ist es recht egal, ob die derzeitige US-Administration an ihn glaubt. Es setzt sich das Verständnis durch, dass der Klimawandel insbesondere technologisch bekämpft werden muss, statt durch Verzichtsappelle. Und das nicht aus reiner Liebe zur Umwelt, sondern vor allem aus ökonomischem Interesse. Larry Fink, der CEO von Blackrock, hat es einmal treffend formuliert: Climate risk is investment risk.
Es ist wahr, dass die USA gerade medienwirksam viele Klimaanstrengungen zurückfahren. Gerne wird als Manifestation der Spruch „Drill, baby, drill“ angeführt. Die Erschließung neuer Lagerstätten und ihre Ausbeutung sind jedoch langfristige Investitionsentscheidungen, die von rein wirtschaftlichen Abwägungen geleitet werden. Warten wir also ab, wie viel auf einmal gebohrt wird.
Wir nähern uns definitiv dem Ende des fossilen Zeitalters. Den Wandel zu Klimaneutralität zu managen ist die gesellschaftliche, politische und unternehmerische Herausforderung unserer Zeit. Und anders als bei vielen Handlungsfeldern der Digitalisierung kann Deutschland als Technologieführer hier absolute Weltspitze sein.
Sorge um Governance
Am meisten Sorge bereitet mir der Bereich Governance. Dabei geht es im Kern um Rule of Law, Transparenz und Verantwortung. Aktuell testet Präsident Trump die Grenzen der amerikanischen konstitutionellen Demokratie. Symptomatisch ist beispielsweise die Diskussion um eine dritte Amtszeit. Sollte sich die demokratische Architektur in den USA strukturell und dauerhaft verschieben, würden die Märkte das mit entsprechenden Bewertungsabschlägen berücksichtigen und der amerikanische Kapitalmarkt könnte schleichend seine Vormachtstellung verlieren. Sich darüber zu freuen verbietet allerdings der Blick auf die begleitenden Kollateralschäden.
Bevor wir uns aber voller Wonne weiter an den USA abarbeiten, sollten wir auch nach Europa schauen. Hier ist in den letzten Jahren die Nachhaltigkeitsregulierung aus dem Ruder gelaufen. Man werfe nur einen Blick auf den regulatorischen Buchstabensalat: CSRD, CSDDD, Taxonomie-Verordnung etc.
Man hat sich bei den Pflichten zu sehr an den großen Kapitalmarktgesellschaften orientiert, die mit gut ausgestatteten Stäben und viel Geld für externe Beratung ihren Weg durch die Regulatorik schon irgendwie finden. Aufwand und Ergebnis stehen gesamtwirtschaftlich allerdings nicht im richtigen Verhältnis.
Klarheit herstellen
Deutschland hat richtig gehandelt und die CSRD noch nicht in nationales Recht umgesetzt. Recht gibt dieser Vorgehensweise der nun vorliegende sogenannte Omnibus-Plan der EU. Im Kern sollen Berichtspflichten geringer ausfallen, weniger Unternehmen betreffen, Prüfpflichten nicht verschärft werden und eine spätere Umsetzung in Wellen erfolgen. Es wird dabei so getan, als ob dies ein Fait accompli wäre. Faktisch stehen teils langwierige Konsultationen und Umsetzungsschritte vor uns, deren Ergebnisse heute noch nicht absehbar sind.
Meine Empfehlung an die neue Bundesregierung lautet daher: Abwarten mit der Inkraftsetzung, bis die Details klar sind, eine Folgenabschätzung ist sonst nicht belastbar möglich. Oder in Abwandlung einer amerikanischen Liedzeile: Make a new plan, Stan. Don‘t hop on the bus, Gus.
Michael Kramarsch ist Aufsichtsrat, Investor, unabhängiger Unternehmensberater sowie Gründer der Unternehmensberatung hkp///group, die er 2024 verkauft hat. In dieser Rubrik veröffentlichen wir Kommentare von führenden Vertretern aus der Wirtschafts- und Finanzwelt, aus Politik und Wissenschaft.
Bevor wir uns aber voller Wonne weiter an den USA
abarbeiten, sollten wir auch nach Europa schauen.