„Bei Zöllen wird der wachstumsdämpfende Effekt überwiegen“
Im Interview: Felix Hüfner
„Der wachstumsdämpfende Effekt wird überwiegen“
Zollkrieg würde deutsches Wirtschaftswachstum um bis zu 60 Basispunkte senken – Euro-Inflation könnte mittelfristig dennoch über dem EZB-Ziel liegen
Der Bundesverband deutscher Banken traut Deutschland 2025 zumindest ein Mini-Wachstum zu. Sollte der Zollkonflikt mit den USA jedoch weiter eskalieren, dürfte es eine Rezession geben, erwartet Felix Hüfner, Chefökonom der UBS, mit Blick auf die Gemeinschaftsprognose.
Herr Hüfner, Konjunkturprognosen sind in diesen Zeiten besonders schwer. Sie sagen für Deutschland ein Wachstum von 0,2% in diesem Jahr voraus unter der Annahme pauschaler Zollerhöhungen der USA in Höhe von 10 bis 15%. Sollte es im Zollkonflikt ärger kommen, wie viel schwächer wäre dann die Konjunktur?
Bei unserer aktuellen Ausschuss-Prognose senken die Zölle das Wirtschaftswachstum um ungefähr 20 bis 30 Basispunkte. Sollten wir Zollsätze von pauschal 25% erleben, wäre der Gegenwind für die Konjunktur noch deutlich stärker. Dann sprechen wir von einem Minus von insgesamt vielleicht 50 bis 60 Basispunkten. Wie viel es letztlich genau wären, hängt von vielen Faktoren ab, etwa den Wechselkursbewegungen und zu welchen Gegenmaßnahmen die EU greift.
Was wiegt mittelfristig eigentlich schwerer für die Konjunktur, die Zölle an sich oder die Unsicherheit über die Zölle, die aktuell Investitionen verhindern und damit den Kapitalstock senken?
Das ist schwer zu quantifizieren. Insgesamt sehen wir bei den Stimmungsindikatoren derzeit zwei gegensätzliche Entwicklungen. Kurzfristig erleben wir insbesondere im verarbeitenden Gewerbe die von Ihnen angesprochenen Unsicherheit über den Umfang der Zölle, die zu einer Zurückhaltung bei Investitionen führt. Mittelfristig verbessert sich dagegen gerade die Stimmung durch die höheren Fiskalausgaben für Verteidigung und Infrastruktur. Größere positive Impulse für die Konjunktur erwarten wir ab 2026.
Für die Eurozone prognostizieren Sie ein Wirtschaftswachstum von 1,0% in diesem und 1,4% im kommenden Jahr. Demnach halten Sie die Wachstumseffekte durch die höheren Militärausgaben für überschaubar, oder?
Der Effekt von Fiskalausgaben auf die Konjunktur ist am größten, wenn viel inländisch produziert wird. Bei der Verteidigung wird wohl vieles importiert werden müssen, gerade in der kurzen Frist. Kapazitäten auszubauen, etwa durch neue Rüstungsfabriken in Europa, benötigt Zeit. Zudem ist allgemein der Multiplikatoreffekt von Infrastrukturausgaben höher als von Militärausgaben. Eben aufgrund dieser Infrastrukturausgaben erwarten wir für 2026 für Deutschland deutlich größere Wachstumseffekte durch die Fiskalpolitik als für die Eurozone. Idealerweise sind die höheren Ausgaben für Infrastruktur und Rüstung in Deutschland jedoch nicht nur allein ein Konjunkturpaket. Verbunden mit strukturellen Reformen führen sie auch zu einer Verbesserung unseres Wirtschaftsstandortes – und damit des langfristigen Wachstums.
Ein immer wichtiger werdender Punkt: Langwierige Planungs- und Genehmigungsverfahren müssen deutlich schlanker werden. Das würde auch bei der Umsetzung des Fiskalpaketes helfen.
Felix Hüfner
Was fordern Sie von der Politik an begleitenden Reformen, damit es mittelfristig zu einer Verbesserung des Standortes Deutschland kommt?
Das jährliche Potenzialwachstum Deutschlands liegt derzeit bei gerade einmal circa 0,5%. Eine Ursache dafür sind die hohen Energiepreise, eine andere die demografische Entwicklung. Wir brauchen also gezielte Anreize für ein höheres Arbeitsvolumen der Menschen. Zweitens brauchen wir nicht nur mehr Investitionen für Infrastruktur und Militär, sondern generell mehr Investitionen der Unternehmen in allen Branchen. Deshalb sind Anreize für mehr private Investitionen essenziell. Da spielt eine Senkung der Unternehmenssteuersätze eine große Rolle sowie die Aussicht auf einen systematischen Bürokratieabbau. Ein immer wichtiger werdender Punkt: Langwierige Planungs- und Genehmigungsverfahren müssen deutlich schlanker werden. Das würde auch bei der Umsetzung des Fiskalpaketes helfen.
Wie sieht es mit den Effekten von Zöllen und höheren Fiskalausgaben auf die Inflation in Europa aus?
Bei den Zöllen sind wir der Ansicht, dass der wachstumsdämpfende Effekt überwiegen wird, was wiederum die Inflation abschwächt. Wobei es im Detail natürlich auch von den Gegenzöllen der EU abhängt. Die höheren Fiskalausgaben wirken dagegen preissteigernd. Beide Punkte – Zölle und Fiskalausgaben – sollten jedoch eher moderate Effekte auf die Inflation haben. Um es konkret zu machen: Wir rechnen beispielsweise bei der UBS damit, dass wenn das Wachstum um einen Prozentpunkt steigt, die Inflation um 30 Basispunkte zulegt.
Für kommendes Jahr sagen Sie eine durchschnittliche Euro-Inflation von 2,1% voraus. Auf Sicht von drei bis fünf Jahren liegt Ihre jedoch Prognose bei etwa 2,3% – und damit über dem Zielwert der EZB. Weshalb?
Wir gehen davon aus, dass der Arbeitsmarkt wegen des demografischen Wandels enger bleiben wird als es früher der Fall war. Daher prognostizieren wir eine Arbeitslosenquote von 6,3% im Jahr 2026, also eine immer noch sehr, sehr niedrige Quote. Die Lohnentwicklung wird deshalb auch in Zukunft den Inflationsdruck hochhalten. Für dieses Jahr erwarten wir noch zwei weitere Zinssenkungen der EZB um 25 Basispunkte. Mittelfristig wird der Leitzins aufgrund der Lohnentwicklung höher sein als dies im historischen Schnitt der Fall war.
Wir werden eine deutliche Abschwächung der US-Konjunktur erleben.
Felix Hüfner
Kommen wir nochmal auf die USA zu sprechen. Manche Ökonomen erwarten inzwischen eine anstehende Rezession. Halten Sie das für übertrieben oder gehen Sie da mit?
Das halten wir für zu pessimistisch. Kann man eine Rezession in den USA ausschließen? Nein. Aber das ist nicht unser Basisszenario. Doch was klar ist: Wir werden eine deutliche Abschwächung der US-Konjunktur erleben. Die Zölle treffen auch die US-Wirtschaft. Das Wachstum dürfte dieses Jahr auf rund 2% zurückgehen und vielleicht sogar noch ein bisschen niedriger im nächsten Jahr ausfallen.
Erwarten Sie, dass die Zölle zu einer nachhaltigen Veränderung von globalen Handelsströmen führt?
Kurzfristig wird es zu einem schwächeren Außenhandel kommen. Daher erwarten wir einen leichten Rückgang des globalen Wirtschaftswachstums von 3,2% auf 3% in diesem und im kommenden Jahr. Allerdings nur – wenn der Zollkonflikt begrenzt werden kann. Bei einer ungebremsten Eskalation wird die Weltwirtschaft spürbar weniger als 3% wachsen. Es ist noch zu früh, um zu sagen, ob es auch zu langfristig veränderten Handelsmustern kommt. Einen Trend zu mehr lokaler Produktion in den jeweiligen Absatzmärkten halte ich persönlich jedoch für wahrscheinlich.
Das Interview führte Martin Pirkl.
Das Interview führte Martin Pirkl.