Reziproke Zölle

Trump setzt Handelspartnern die Pistole auf die Brust

US-Präsident Donald Trump will mit den neuen reziproken Zöllen erreichen, dass Firmen mehr in den USA produzieren und somit das Wirtschaftswachstum ankurbeln.

Trump setzt Handelspartnern die Pistole auf die Brust

Trump setzt Handelspartnern die Pistole auf die Brust

Defizitabbau und Industrialisierung der US-Wirtschaft als langfristiges Ziel – Partnerländer sollen zu Aufwertung ihrer Währungen gezwungen werden

US-Präsident Trump will diese Woche umfassende Einfuhrzölle verkünden. Den Abgaben liegt das Prinzip der „Reziprozität“ zugrunde: Handelshürden im Ausland sollen durch US-Zölle ausgeglichen werden. Dadurch sollen das Handelsdefizit verringert und Unternehmen zur Produktionsverlagerung angehalten werden.

Von Peter De Thier, Washington

Seit seinem Amtsantritt im Januar hat US-Präsident Donald Trump wiederholt gesagt, dass „der Begriff Zölle mein liebstes Wort ist“. Als er von 2017 bis Anfang 2021 Präsident war, hatte Trump ein anderes Lieblingswort, nämlich „Reziprozität“. Genau dieses Konzept der „Gegenseitigkeit“ ist es, das diese Woche zu neuen Zöllen für Waren aus den wichtigsten Partnerländern führen wird.

Viele Überschussländer

Die Zoll-Sanktionen zielen insbesondere auf Länder ab, die Überschüsse gegenüber den USA aufweisen. Die Liste dieser Staaten ist lang: von Deutschland sowie der EU über China, Japan, Taiwan und Südkorea bis hin zu den Nachbarstaaten Mexiko und Kanada. Zu den „Sündern“ zählen aus der Sicht des Präsidenten aber auch kleinere Volkswirtschaften wie Irland, Vietnam und Malaysia.

Dass US-Güterexporteure im Ausland – aus ihrer Sicht ungerechtfertigterweise – oft nicht zum Zuge kommen, zeigt die Statistik: Das Außenhandelsdefizit erhöhte sich 2024 um 17% auf 918 Mrd. Dollar. Über Jahre hinweg hat das zu einer Erosion der US-Industrie geführt. Auch wurden viele Arbeitsplätze vernichtet und die Abhängigkeit von ausländischem Kapital erhöht. Handlungsbedarf liegt also vor. Nur stellt sich die Frage, wie der Defizitabbau erzielt werden kann, ohne immensen wirtschaftlichen Kollateralschaden anzurichten. Denn es gibt ja einen Grund für die Deindustrialisierung: die Globalisierung und günstiger produzierende Unternehmen im Ausland – das Wesen der internationalen Arbeitsteilung.

Prinzip der Gegenseitigkeit

Trumps Vorstellung beruht auf der Annahme, dass die Überschussländer die USA seit Jahrzehnten ausnutzen. Er wirft ihnen zudem vor, ihre Währungen künstlich zu verbilligen, um die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Ausfuhrwirtschaft zu verbessern. Und in Teilen ist die bisherige Praxis auch durchaus kritikwürdig: Viele Länder fördern ihre Exporteure mit nichttarifären Maßnahmen wie Subventionen. Das aber tun die USA etwa in der Luftfahrtindustrie ebenfalls. Auch haben Partnerländer Regularien, die US-Konkurrenten den Marktzutritt erschweren.

Ungeklärte Einzelheiten

So oder so sind die Konsequenzen klar: Staaten, gegenüber denen die USA im bilateralen Handel einen Passivsaldo verzeichnen, müssen sich nun warm anziehen. Aber ob die Abgaben tatsächlich nur Überschussländer oder sämtliche Partner treffen werden, wissen bisher nur der Präsident und seine engsten Berater. In Bezug auf jene, die mehr in den USA verkaufen als umgekehrt, halten seine Ökonomen die Zölle für gerechtfertigt. Sie weisen auf die gesamtwirtschaftlichen Konsequenzen wie das geschmälerte US-Wachstum hin. Im dritten Quartal 2024, rechnen sie vor, habe der Fehlbetrag rechnerisch 0,9 Prozentpunkte von der Wachstumsrate abgezogen. Im dritten Quartal 2022 fiel die Zunahme des Bruttoinlandsprodukts wegen des Defizits sogar um 2,5 Prozentpunkte niedriger aus.

Bei Trump drängt sich natürlich die Frage auf, ob die neuen Zölle ein Ausdruck der Willkür eines irrationalen Präsidenten sind oder ob ihnen auch eine langfristig ausgerichtete Strategie zugrunde liegt. Wie die Ökonomin Mary Lovely gegenüber der Börsen-Zeitung sagte, „hat er das klare Ziel, die Reindustrialisierung der US-Wirtschaft voranzutreiben und strategische Sektoren zu stützen“.

Wechselkurskorrekturen als Ziel

Stephen Miran, Trumps Chef des Council of Economic Advisers (CEA), will sogar noch weiter gehen und weist auf die Folgen für Wechselkurse hin. „Der Dollar ist zu teuer, und die Abgaben könnten Länder, die bilaterale Überschüsse haben, zwingen, ihre eigenen Währungen aufzuwerten.“ Darin sehen Miran und Kevin Hassett, Direktor des National Economic Council (NEC), den sichersten Weg zum Abbau des Handelsdefizits.


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