LeitartikelGenerationengerechtigkeit

Babyboomer-Soli statt „No Future!“

Die Babyboomer haben über Jahrzehnte die Friedensdividende verfrühstückt und die Sozialsysteme zu ihren Gunsten optimiert. Und jetzt auch noch die Wehrpflicht für die Jüngeren? Ein guter Kündigungsgrund für den Generationenvertrag.

Babyboomer-Soli statt „No Future!“

Generationenkonflikt

Babyboomer-Soli statt „No Future!“

Von Stephan Lorz

Die Babyboomer haben über Jahrzehnte die Friedensdividende verfrühstückt und die Sozialsysteme zu ihren Gunsten optimiert. Das muss sich ändern!

CDU/CSU und SPD halten ihre Forderungen zur Absicherung des Rentenniveaus, zur Fixierung des Renteneintrittsalters und zur Ausweitung der Mütterrente inhaltlich für dringend geboten und gut begründet: Durch die „Haltelinie“ soll Altersarmut verhindert werden, die Menschen könnten einfach nicht über 67 Jahre hinaus arbeiten. Man denke nur an die Dachdecker. Und wer hätte etwas gegen eine finanzielle Unterstützung der Mütter, die ohnehin immer zu kurz kämen?

Ganz aus dem Blick geraten da die Jüngeren. Sie müssen die damit noch schneller steigenden Beiträge verdauen und haben noch weniger Spielraum für die eigene Vorsorge, weil die zusätzlichen Ausgaben ansonsten nicht finanzierbar sind. Und was bleibt ihnen dann von der sozialen Segnung aus Haltelinie und früherem Renteneintritt, wenn in wenigen Jahren das System kollabiert, wie Ökonomen voraussagen, und es dann gar kein „Halten“ mehr gibt? Privat vorsorgen? Selbst darauf wollen die Neu-Koalitionäre dem Vernehmen noch stärker zugreifen und sie höher besteuern. Ökonomisch und unter Gerechtigkeitsaspekten insgesamt dysfunktional und höchst unfair, wenn nicht schon übergriffig.

Vor allem die Jüngeren müssen zurückstecken

Um hier einen Generationenkonflikt auszumachen, muss man nicht groß analysieren. Immerhin begehrt die Jugend langsam auf. Sie ist mit der Bewegung Fridays for Future politischer geworden und stellt sich den die Politik bestimmenden Babyboomern schon mal entgegen – oft noch nicht laut, aber drohen bisweilen, den Generationenvertrag einfach mal zu „kündigen“ und bei erster Gelegenheit die Flucht zu ergreifen. Schließlich sind die Babyboomer drauf und dran, ihre frühere Parole von „No Future!“, die sie damals skandiert hatten, wahrzumachen – allerdings nicht für sich selber, sondern eben die nächste Generation nach dem Motto „Nach mir die Sintflut!“.

Dieses Verhalten der Babyboomer findet sich auch in ganz anderen Bereichen: Augenfällig waren Entscheidungen bei der Corona-Pandemie. Vor allem die Jüngeren mussten zum Schutz der Älteren zurückstecken. Die Folgen haben heute die Schulen auszulöffeln. Und auch bei der Schuldenpolitik tut sich ein Generationenkonflikt auf, weil das Geld in der Gegenwart investiert wird, die Schulden aber von der nächsten Generation bezahlt werden müssen. Das ergibt nur dann Sinn, wenn diese „Investitionen“ tatsächlich mehr Wachstum und Steuereinnahmen generieren, den Jungen auf dieser Basis also ein florierender Standort hinterlassen wird statt kaputte Brücken, Schienen und Schulen. Allerdings darf man das bezweifeln, wie ein Blick auf die Koalitionsverhandlungen zeigt. Zwar haben die Grünen das Sondervermögen mit etwas mehr Weitsicht verknüpft durch ergänzende Klima- und Bildungsverpflichtungen, doch dürfte die politische Praxis auch hier schnell neue Umgehungstatbestände manifestieren.

Sozialer Dienst für Ältere

Und nun sollen die Generationen X, Y und Z auch bei der Verteidigung ran? Die Wehrpflicht ist wieder im Gespräch. Also gerade jene Gruppe, die man bei der Rentenversicherung übers Ohr haut und der man neue Schuldenlasten aufbürdet? Schon wundern sich manche Beobachter, warum die jungen Menschen darauf keine Lust haben? Aber warum immer die Jungen verplanen? Warum nicht auch Ältere für einen sozialen Dienst heranziehen, sofern sie bislang bei Bundeswehr und Rotem Kreuz außen vor waren?

Grundsätzlich muss zudem die Frage erlaubt sein, warum stets jene Sektoren, die für die Zukunft so wichtig sind und damit naturgemäß den Jüngeren zugutekommen, in der Politik so unterbelichtet sind. Warum ist Bildungs- und Forschungspolitik zwar für Sonntagsreden gut, stehen aber in der Realpolitik in der zweiten Reihe? Finanzen, Soziales, Wirtschaft oder Agrar sind die Schnellstraßen in der Politik. Um Deutschland wieder zukunftsfähig zu machen, müssen die Generationen zusammenarbeiten und fair miteinander umgehen. Warum nicht den Boomern, welche schon die Friedensdividende verfrühstückt haben, quasi einen „Boomer-Soli“ auferlegen, um den Jüngeren das Startkapital zur privaten Altersvorsorge zukommen zu lassen? Oder vielleicht doch die Haltelinie sein lassen und das Renteneintrittsalter schieben als Fairnesssignal an die Jungen?

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