Nachfrageboom nach Rüstungsgütern
Wachsende Verteidigungsausgaben
Rüstungsproduzenten haben noch Ladehemmung
Französische und italienische Unternehmen wurden von Europas geplanter Ausgabenoffensive überrascht. Sie warten auf Orders und müssen neue Kapazitäten schaffen.
bl/wü Mailand/ Paris
Von Gerhard Bläske, Mailand, und Gesche Wüpper, Paris
Die geplante gigantische Aufrüstungsoffensive mit EU-Mitteln und Geldern aus nationalen Haushaltsmitteln ist für europäische Rüstungsunternehmen erst einmal eine gute Nachricht. Ihre Aktienkurse sind angesichts der hervorragenden Geschäftsaussichten regelrecht explodiert.
Doch bei den gut 4.000 französischen Unternehmen aus der Verteidigungsbranche und auch in Italiens Rüstungsbranche, die auf einen Umsatz von etwa 41 Mrd. Euro kommt, bleiben der Champagner bzw. Franciacorta vorerst noch im Kühlschrank. Sie wollen zunächst abwarten, ob und in welchem Umfang die angekündigten Rüstungsausgaben tatsächlich zu neuen Bestellungen führen werden. „Werden die Ankündigungen durch zusätzliche Aufträge gestützt werden?“, fragt etwa Thales-Chef Patrice Caine. Wenn diese kämen, sei der Rüstungselektronik-Spezialist bereit, entsprechend zu produzieren.
Warten auf Fakten
Roberto Cingolani, CEO des italienischen Rüstungskonzerns Leonardo, hat nun ad hoc ein Team gebildet, das die daraus resultierenden Chancen und Konsequenzen prüfen soll. Die Ankündigungen sind noch frisch und noch nicht konkret beschlossen. Und: Es fehlen Kapazitäten, um die Produktion schnell hochzufahren.
„Ich warte auf Fakten“, sagte auch Eric Trappier, der Chef des Flugzeugbauers Dassault Aviation. Die geopolitische Entwicklung dürfte die von General Charles de Gaulle initiierte, auf der Unabhängigkeit von anderen basierende Verteidigungsstrategie Frankreichs verstärken, ist er überzeugt. Ob andere europäische Länder, die bisher systematisch bei US-Rüstungsherstellern gekauft hätten, nun ebenfalls gewillt seien, eine autonome europäische Verteidigungsindustrie zu entwickeln, müsse sich noch zeigen.
US-Hersteller dominieren
Seit 2022 haben europäische Länder drei Viertel ihrer militärischen Ausrüstung bei US-Herstellern gekauft, vor allem bei Lockheed Martin, Northrop Grumman und Raytheon. Er sei erfreut, dass Deutschland in seine Verteidigung investieren wolle, sagt Trappier. „Aber das haben wir schon mal vor ein paar Jahren gehört.“ Und dann habe die Bundesrepublik erstmal F35-Kampfjets bei Lockheed Martin gekauft. „Um so besser, wenn es jetzt ein europäisches Erwachen gibt“, meint er. „Aber es müssen Fakten folgen.“
Sowohl Thales als auch Dassault sind zuversichtlich, einer höheren Nachfrage begegnen zu können. Allerdings verweisen sie auch darauf, dass sich die Produktion nicht einfach so von einem auf den anderen Tag steigern lässt. Zumal die Zulieferkette noch immer mit Problemen kämpft und die französische Rüstungsindustrie die Produktion seit Beginn des Ukraine-Krieges bereits deutlich gesteigert hat. So hat der in KNDS aufgegangene Panzerbauer Nexter die Produktionszeit für Caesar-Haubitzen nach Angaben des Verteidigungsministeriums trotz höherer Volumina halbiert, während MBDA die Produktion der Aster-Luftabwehrraketen 2025 verdreifachen wird.
Steigende Umsätze
Dassault wiederum ist gerade dabei, die Produktion der Rafale-Kampfjets von zwei auf drei Exemplare pro Monat hochzufahren. Eine weitere Steigerung auf vier ist geplant, bei zusätzlichen Bestellungen hält Dassault-Chef Trappier auch fünf für möglich. Doch jede Produktionshochfuhr braucht Zeit, da zusätzliche Mitarbeiter eingestellt und ausgebildet und die Infrastruktur ausgebaut werden muss. Bei der Rafale dauern allein die Vorbereitungen für die Steigerung der Produktionsrate nach Angaben Trappiers je Exemplar pro Monat zwei Jahre.
Die Rüstungsversprechen dürften zu steigenden Umsätzen für europäische Rüstungsunternehmen führen, urteilt Morningstar DBRS. „Wir erwarten aber auch, dass die neue Leistung der europäischen Verteidigungsbranche in naher Zukunft durch Fertigungsengpässe begrenzt sein wird.“ Zusätzliche, als Folge der europäischen Verteidigungsoffensive generierte Aufträge dürften sich nicht auf den Umsatz 2025 auswirken, meint auch Thales-Chef Patrice Caine.
Neue Chancen für Autozulieferer
Der Rüstungselektronikspezialist hat gerade zusammen mit KNDS und Rheinmetall beim Bundeskartellamt das Gemeinschaftsunternehmen MGCS (Main Ground Combat System) Project Company angemeldet. Es soll bis 2040 die Kampfpanzer Leopard 2 und Leclerc durch ein plattformübergreifendes Bodenkampfsystem ersetzen. Thales wiederum hat Gerüchten zufolge ein Auge auf den Drohnenhersteller Delair geworfen, während MBDA und Triebwerkshersteller Safran jetzt im Auftrag der Beschaffungsbehörde Délégation générale de l'armement (DGA) eine Lenkwaffe mit langer Reichweite entwickeln. Die DGA will 2025 auch Ausschreibungen für zivile Konzerne öffnen, um ihre Bezugsquellen zu diversifizieren und schneller produzieren zu können.
Autozulieferer, ja vielleicht sogar Autobauer selber könnten bei einigen Aufträgen aus dem Bereich der Verteidigungswirtschaft mitmachen, meint EU-Binnenmarktkommissar Stephane Séjourné. Europlasma ist deshalb an der Fonderie de Bretagne interessiert, einer zahlungsunfähigen Gießerei, die einst zu Renault gehörte. Das eigentlich auf Schmiedeteile und Dekontaminierung spezialisierte Unternehmen hat bereits 2021 les Forges de Tarbes übernommen, den einzigen französischen Hersteller von Hohlkörpern, der beispielsweise die metallenen Hüllen der Geschosse produziert, die bei der Caesar-Haubitze eingesetzt werden.
Fragezeichen hinter Finanzierung
Nach Angaben von Verteidigungsminister Sébastien Lecornu fehlen der französischen Marine mindestens drei Fregatten und der Armée de l’Air rund 20 Rafale-Kampfjets. Ein Bereich, in dem Europa endlich aufwachen müsste, sei die Rolle der Raumfahrt in der Verteidigung, sagte er jetzt dem Radiosender „France Inter“.
Wie Frankreich den geplanten höheren Verteidigungsetat finanzieren will, ist noch unklar — zumal die öffentliche Verschuldung zuletzt fast 114% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) betrug und das Defizit 6%. Die Regierung von Premierminister François Bayrou denkt nun über eine große Volksanleihe oder ein spezielles Verteidigungs-Sparbuch nach dem Vorbild des staatlich reglementierten Sparbuchs Livret A nach.
Ähnlich ist die Lage in Italien mit einer Verschuldung von 135%. Italiens Premierministerin Giorgia Meloni will vermeiden, dass Italiens Schulden durch eine höhere nationale Kreditaufnahme für die Rüstung weiter steigen. In ihrer zerstrittenen Regierung mit Aufrüstungsgegnern steuert sie einen konfusen und ambivalenten Schlingerkurs zwischen den USA und Europa. Meloni, die gut mit US-Präsident Donald Trump und seinem „Berater“ Elon Musk kann, versucht, separat mit Trump zu verhandeln. Italienische Rüstungsunternehmen wie Leonardo oder der Werftenkonzern Fincantieri arbeiten seit Jahrzehnten eng mit US-Unternehmen zusammen. So produziert Leonardo mit Agusta Westland Hubschrauber, und die börsennotierte US-Tochter Drs. Fincantieri baut Fregatten für die US-Marine und beliefert auch die Küstenwache.
Fragmentierte Industrie
Beide sind jedoch auch stark in europäischen Projekten engagiert: bei Lenkflugkörpern (MBDA), Satelliten (Thales-Alenia Space, Telespazio), Kampfflugzeugen, Panzern und vielen anderen Projekten. CEO Cingolani plädiert für mehr Kooperationen der fragmentierten europäischen Rüstungsindustrie, um eine kritische Masse zu erreichen, wettbewerbsfähige Strukturen zu schaffen und „unseren Entwicklungsplan zu beschleunigen sowie unsere industriellen und technologischen Kapazitäten zu vervollständigen“.
Neue Kooperationen
Der zu 30% staatliche Konzern, der in den Bereichen Hubschrauberbau, Rüstungselektronik, Cyber Security, Flugzeug- und Panzerbau tätig ist, hat zuletzt gleich mehrere neue Kooperationsprojekte auf den Weg gebracht. Im ligurischen La Spezia, wo bis dato italienische Ariete-Panzer gebaut werden, sollen bis 2040 in einem Joint Venture mit Rheinmetall 272 italienisierte Kampf- und 1.050 Schützenpanzer vom Typ Panther bzw. Lynx produziert werden. Platz ist genug da. Viele der riesigen Hallen stehen leer.
Mit der türkischen Baykar will Leonardo Kampf-, Überwachungs- und Angriffsdrohnen produzieren. Ein erster Prototyp soll in zwölf bis 18 Monaten vorgestellt werden. Und im Weltraumsektor, wo Leonardo zwei Joint Ventures mit der französischen Thales hat, sprechen die Italiener mit Thales und Airbus über ein Bündnis im Bereich erdnaher Satelliten. Die Partner wollen wettbewerbsfähiger gegenüber Elon Musks Starlink werden.
Anstieg Rüstungsausgaben
Die Kapazitäten zum Hochfahren der Panzerproduktion sind da. Anderswo fehlen sie. Ein Anstieg der italienischen Rüstungsausgaben von derzeit 1,5% des Bruttoinlandsprodukts um einen Prozentpunkt brächte Leonardo einen Zusatz-Umsatz von 2 bis 3 Mrd. Euro pro Jahr. Die Herausforderung ist, die wachsende Nachfrage zu bedienen. Leonardo prüft, wie die Produktion an bestehenden Fertigungsstätten erhöht werden kann. Die Nutzung leer stehender Kapazitäten des Autokonzerns Stellantis sei aktuell nicht geplant. Giuseppe Cossiga, Präsident des Luftfahrt- und Rüstungsverbands Aiad, veranschlagt drei bis fünf Jahre, bis die Produktion hochgefahren werden kann.
Konkurrierende Projekte
Erschwert wird eine effiziente Nutzung der neuen Mittel dadurch, dass es in Europa, anders als in den USA, viele konkurrierende Projekte gibt. So entwickelt Leonardo mit BAE Systems und Mitsubishi das Kampfflugzeugsystem GCAP in Konkurrenz zum deutsch-französisch-spanischen Future Combat Air System (FCAS).
Bereits ohne zusätzliche Mittel aus der gigantischen Aufstockung der Rüstungsbudgets erwartet Leonardo bis zum Jahr 2029 einen Anstieg des Auftragsbestands von 44,2 Mrd. auf 56,6 Mrd. Euro. Wie der zu 71% staatliche Werftenkonzern Fincantieri gehört auch Leonardo zu den Börsenlieblingen.
Dual-Use-Technologien
Fincantieri produziert auch Jachten und Kreuzfahrtschiffe und ist im Rüstungsbereich in den Sektoren U-Boote und Fregatten tätig. „Wir nutzen zunehmend Dual-Use-Technologie-Lösungen, die ursprünglich für den zivilen Sektor entwickelt wurden und auf Verteidigungsprogramme angewendet werden können, um Innovationen und Effizienz im militärischen Schiffbau zu beschleunigen“, heißt es. Man sei in der Lage, angesichts der neuen Situation die Präsenz im Bereich der maritimen Verteidigung, einschließlich U-Booten und Unterwasser-Technologien, deutlich auszubauen", heißt es auf Anfrage. CEO Pierroberto Folgiero beziffert das mögliche zusätzliche Militär-Auftragsvolumen für den Konzern bis 2027 auf 20 Mrd. Euro.
Partnerschaft mit TKMS
Der Bedarf an U-Booten und U-Boot-Technologie zur Verteidigung kritischer Infrastrukturen wachse, so Fincantieri. „Wachsende Herausforderungen verlangen eine neue Herangehensweise.“ Europa müsse gemeinsam vorgehen, Ressourcen bündeln und Produktionen zusammenlegen. Man sei „komplett offen“, mit dem langjährigen Partner ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) „verschiedene Formen der Zusammenarbeit zu prüfen, sei es durch verstärkte kommerzielle Partnerschaften oder durch umfassende strategische Initiativen".