„Wir wollen den Umsatz vervielfachen“
IM GESPRÄCH: FRITZ ESTERER UND MATTHIAS WITTKOWSKI
„Wir wollen den Umsatz vervielfachen“
Der WTS-Vorstandschef und der EQT-Partner zielen in Europa auf Expansion – Digitalisierung soll vorangetrieben werden – Fremdbesitzverbot umgangen
WTS will mithilfe des Finanzinvestors EQT zum Steuerberatungs-Champion in Europa aufsteigen. Dies kündigte das Duo in München an. Der Umsatz soll in den nächsten Jahren vervielfacht werden. EQT erklärte, die rechtlichen Beschränkungen bei Beteiligungen an Steuerberatungsgesellschaften würden beachtet.
Die Steuerberatungsfirma WTS holt sich den schwedischen Finanzinvestor EQT als Ankeraktionär an Bord. „Wir wollen mit EQT einen Steuerberatungs-Champion aufbauen“ begründete WTS-Vorstandsvorsitzender Fritz Esterer im Gespräch mit der Börsen-Zeitung die Transaktion. Die strategische Partnerschaft mit EQT sei langfristig ausgelegt: „Wir haben da wirklich große Pläne.“
Matthias Wittkowski, der als Partner und Global Co-Head Services von EQT agiert, sagte in dem Gespräch, EQT habe in dem Sektor weltweit eine Vielzahl von Opportunitäten geprüft: „WTS mit Fritz Esterer an der Spitze passt von der Kultur her hervorragend, wir ticken gerade hinsichtlich der Wachstumsambitionen sehr ähnlich.“ Er kündigte einen forcierten Expansionskurs an: „Wir wollen gemeinsam den WTS-Umsatz innerhalb der kommenden Jahre vervielfachen, bei gleichzeitiger Steigerung der Profitabilität.“
Zukäufe eingeplant
Dies geschehe mit einer Kombination aus verschiedenen Wachstumshebeln. Zum einen solle die marktführende Position in Deutschland ausgebaut werden, beispielsweise durch die Intensivierung der Digitalisierungsaktivitäten und somit einer Erschließung neuer Kundengruppen. „Aber wir planen ganz klar auch eine Konsolidierung des europäischen Marktes.“ Dort sei WTS heutzutage selbst nur über das Netzwerk, aber nicht mit eigenen Gesellschaften präsent.
Die Strategie von Esterer weist in die gleiche Richtung. „Wir wollen in den europäischen Kernländern eine starke Präsenz gewinnen“, sagte er: „Das heißt im Klartext: Wir streben ein erhebliches Wachstum an, und zwar organisch und anorganisch.“ WTS habe dabei Großbritannien, Frankreich, Italien, die Niederlande, den osteuropäischen Raum, insbesondere mit Tschechien und Polen, sowie Skandinavien im Blick.
„Ein Magnet für Teams“
Das Fremdbesitzverbot in Deutschland untersagt reinen Finanzinvestoren die direkte und mehrheitliche Beteiligung. Wittkowski räumte auf Nachfrage ein, es gebe rechtliche Beschränkungen, sich in Deutschland an Steuerberatungsgesellschaften zu beteiligen. Diese beachte man selbstredend. Esterer betonte, die Stiftung – die bisher alleinige WTS-Besitzerin gewesen ist – bleibe bestehen: Sie sei weiterhin in der Eigentümerstruktur enthalten. Weitere Details nannten die Partner nicht.

Der Markt für Steuerberatung zeichne sich durch hohe einstellige prozentuale Wachstumsraten aus, erläuterte Wittkowski. Mit der Gewinnung neuer Partnerinnen und Partnern sowie Teams werde das Unternehmen deutlich oberhalb dieses substanziell einstelligen Marktwachstums zulegen: „M&A muss einen ebenfalls sehr substanziellen Beitrag leisten, damit wir am Ende das Ziel einer Vervielfachung des Umsatzes gemeinsam erreichen.“ Esterer betonte, das WTS neue Beschäftigte gewinnen wolle: „Wir wollen zusätzliche Teams wie ein Magnet anziehen.“
Besseres Cross-Selling
WTS Deutschland stehe für knapp die Hälfte des Umsatzes von WTS Global, erläuterte Esterer. In Europa komme man im Netzwerk fast auf eine ähnliche Größenordnung, in den übrigen Regionen habe man weitere 100 bis 200 Mill. Euro im Steuerbereich: „Künftig soll das Cross-Selling-Potenzial besser ausgeschöpft werden, indem WTS eine internationale Firma wird mit einer intensiven Zusammenarbeit im Konzern.“
Die Münchner Gesellschaft WTS Deutschland, die im Jahr 2000 als Ausgründung von Siemens an den Start gegangen ist, steigerte im vergangenen Geschäftsjahr 2023/2024 mit 1.500 Beschäftigten und 14 Standorten in Deutschland den Umsatz um 7% auf 242 Mill. Euro. Er gehe davon aus, dass man im Moment in Deutschland der Marktführer im Bereich KI und Steuern sei, sagte Esterer.
WTS verzichtet auf die Durchführung von Jahresabschlussprüfungen und positioniert sich damit bewusst gegen die vier großen Abschlussprüfer PwC, KPMG, EY und Deloitte, zu deren Produktportfolio auch die Beratung gehört. WTS teilt das Beratungsangebot in die drei Geschäftsbereiche Tax, Advisory und Digital auf.
Beteiligungshöhe unbekannt
Trotzdem verfehlte Esterer – obwohl fast alle Dax40-Unternehmen (95%) zur Kundschaft gehören – das zu Beginn des Geschäftsjahres 2021/2022 ausgegebene Ziel, den Umsatz innerhalb von vier Jahren auf deutlich über 400 Mill. Euro mehr als zu verdoppeln. Esterer verwies nun zur Begründung darauf, dass WTS stärker auf Deutschland fokussiert gewesen sei und nicht so stark auf internationale Akquisitionen. Dennoch sei man von den angepeilten 400 Mill. Euro so weit nicht entfernt: „Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir die Größenordnung relativ rasch erreichen werden.“
EQT-Partner Wittkowski wollte weder nennen, in welcher Höhe sich EQT als Ankeraktionär beteiligt, noch mit welchem Wachstumskapital die Steuerberatungsgesellschaft rechnen kann. „WTS und EQT haben sich entschlossen, zu den finanziellen Details der Transaktionen Stillschweigen zu vereinbaren“, sagte er. Der Fonds EQT X sei aktuell zwischen 50 und 55% investiert und mit insgesamt 22 Mrd. Euro ausgestattet.
„Sie erkennen daran, dass wir sehr substanziell in der Lage und willens sind, WTS mit zusätzlichem Wachstumskapital zu unterstützen“, verdeutlichte Wittkowski. Die Unterstützung gehe aber darüber hinaus: „Wir von EQT stellen nicht nur unser Kapital, sondern auch unsere Expertise bei M&A, der Skalierung von Wachstumsgeschäften und in der Digitalisierung zur Verfügung.“
Esterer bleibt operativ aktiv
Esterer hatte in der Vergangenheit zuweilen betont, Zukäufe könnten auch aus dem vorhandenen Kapital finanziert werden. Nun steht WTS nach seiner Ansicht aber vor einer anderen Gangart: „Ein konsequenter Ausbau in Europa bedingt einfach ein größeres Investitionsvolumen, da kommen wir mit ein paar Millionen nicht weiter.“
Esterer kündigte an, er werde weiterhin operativ aktiv bleiben. Er habe eine starke Verantwortung, WTS in gute Hände zu überführen, sagte der 66-Jährige, der seit 2009 als Vorstand an der Spitze von WTS steht. Daher bleibe er der Gesellschaft erhalten: „Ich werde auf jeden Fall noch einige Zeit der Gesellschaft zur Verfügung stehen, und zwar vollumfänglich.“
EQT-Partner Wittkowski lobte, es zeuge von der unternehmerischen Weitsicht von Fritz Esterer als Person, dass er diesen Schritt gehe in einer Situation, in der andere das gesetzliche Rentenalter in Anspruch nähmen: „Für uns war stets Grundlage dieser Partnerschaft, dass Fritz Esterer als Vorstandsvorsitzender dabeibleibt.“
Weitere Zukäufe in der Pipeline
Die WTS-Investition wird vom „EQT X“-Fonds getätigt. Der Finanzinvestor hatte von 2022 bis 2024 für seinen bisher größten Private-Equity-Fonds 22 Mrd. Euro (24 Mrd. Dollar) eingeworben. Als Volumen für ein einzelnes Investment wird grundsätzlich die Spanne von 200 Mill. bis 1,6 Mrd. Euro genannt.
EQT X verzeichnet bisher sieben Investments, darunter in den US-Anbieter von Debitorenbuchhaltungslösungen Billtrust. Neben der Technologiebranche ist der Gesundheitssektor ein Schwerpunkt. Im vergangenen Jahr kündigte EQT zusätzlich den Kauf des Cybersicherheitsspezialisten Acronis an, außerdem soll das schwedische Buchhaltungsunternehmen Fortnox gemeinsam mit dessen Mehrheitsaktionär übernommen worden.
Die WTS-Transaktion soll den Angaben zufolge im Sommer abgeschlossen sein. WTS wurde in finanziellen Fragen von Rothschild & Co und juristisch von Noerr beraten. Für EQT war Hengeler Mueller aktiv.