EZB stellt Geldpolitik wegen Zöllen auf den Prüfstand
EZB stellt Geldpolitik wegen Zöllen auf den Prüfstand
Uneinigkeit bei Effekten auf Euro-Inflation
mpi Frankfurt
Während an den Finanzmärkten eine Zinssenkung der EZB im April nach der Zollankündigung durch US-Präsident Donald Trump mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 90% beziffert wird, herrscht im Rat der Notenbank weiter Uneinigkeit. „Meines Erachtens stehen die jüngsten Entwicklungen einer weiteren Zinssenkung im April nicht im Wege“, sagte der griechische Notenbankchef Yannis Stournaras Bloomberg. Die beiden Deutschen im EZB-Rat, Isabel Schnabel und Joachim Nagel, warnen dagegen vor einer weltweit steigenden Inflation.
„Fragmentierung im Handel ist strukturell schädlich für Wirtschaftswachstum und Inflation“, lautet die Überschrift einer Folie, die die EZB-Direktorin bei einem Vortrag in Paris präsentierte. Schwere Verwerfungen im Welthandel, die nun drohten, könnten laut Schnabel die Inflation weltweit um mehrere Prozentpunkte erhöhen. Es könnte Jahre dauern, bis diese Effekte nachlassen. Bundesbankpräsident Joachim Nagel warnte in einer an Journalisten am Donnerstag verschickten Stellungnahme ebenfalls vor global steigenden Preisen. „Dies wird auch Erreichtes in der Geldpolitik auf den Prüfstand stellen. Im Eurosystem werden wir die Lage neu einordnen müssen.“
Ambivalente Auswirkungen auf die Inflation
Aus dem ebenfalls am Donnerstag veröffentlichten Protokoll der vergangenen EZB-Sitzung geht hervor, wie ambivalent die Auswirkungen der Zölle auf die Euro-Inflation nach Einschätzung der Notenbanker sind. Eine Eskalation im Handelskonflikt könnte die Importkosten erhöhen und damit die Inflation verstärken, heißt es dort. „Gleichzeitig würde eine geringere Nachfrage nach Exporten aus dem Euroraum infolge höherer Zölle und einer Verlagerung von Exporten aus Ländern mit Überkapazitäten in den Euroraum den Inflationsdruck senken.“
Die Notenbanker warnen zudem, dass die Zölle zu Zweitrundeneffekten und einem höheren Lohndruck führen könnten – vor allem in einem Umfeld, in dem die Preisstabilität noch nicht erreicht ist. Das Sitzungsprotokoll offenbart außerdem, dass einige EZB-Ratsmitglieder im März nur deshalb eine Zinssenkung mitgetragen haben, weil die Notenbank in ihrer Kommunikation bezüglich weiterer Lockerungen vorsichtiger geworden ist.
Große Spanne
„Die entscheidende Frage wird sein, ob die Ankündigung der US-Zölle einige Falken überzeugen kann, weiteren Zinssenkungen zuzustimmen“, sagte ING-Chefökonom Carsten Brzeski. Falls nicht, könnten die Tauben womöglich Rücksicht auf ihre Ratskollegen nehmen und erstmal eine Zinspause mittragen. Brzeski erwartet, dass der schlechtere Konjunkturausblick für die Eurozone genügend Falken von einer Zinssenkung in zwei Wochen überzeugt. Sicher sei dies jedoch nicht, da es bis zuletzt eine „bedeutende Gruppe“ gegeben habe, die eine Zinspause befürwortet.
„Was gerade in den USA passiert, ist eine große Herausforderung für die EZB“, sagte Andrzej Szczepaniak, Volkswirt bei Nomura. „Sowohl beim Ausmaß der Inflationseffekte durch die Zölle als auch beim Timing gibt es eine hohe Unsicherheit.“ Er erwartet daher eine Zinspause und insgesamt nur eine weitere Lockerung in diesem Jahr. Das Finanzdienstleistungsunternehmen T. Rowe Price geht wegen der Zölle hingegen davon aus, dass die EZB den Einlagensatz von derzeit 2,5% Schritt für Schritt auf 1,0% bis 1,5% senken wird.