Reziproke Zölle

Pauschale Zollsätze auf Basis einfachster Arithmetik

Trump ließ keine komplizierten Berechnungen anstellen zu den Wirkungen von tarifären und nicht-tarifären Handelshemmnissen der Handelspartner. Der Satz wurde mit einfachsten Mitteln „geschätzt“, und der halbe Wert davon dann als „Gegenzoll“ verfügt.

Pauschale Zollsätze auf Basis einfachster Arithmetik

Viele Ökonomen zeigen sich verwundert, wie US-Präsident Donald Trump auf die einzelnen Länder unterstellten Zölle kommt, die für ihn die Grundlage für seine Tiraden gegen die Handelspartner und seine „Gegenzölle“ sind. Trump selber spricht von einer Kombination aus expliziten Zollsätzen sowie „Währungsmanipulation und andere Handelshemmnisse“. Im Falle Deutschlands soll hier auch etwa die Mehrwertsteuer einfließen, die Trump als Handelshürde betrachtet, weil sie den deutschen Exporteuren bei der Ausfuhr erlassen, den amerikanischen Exporteuren nach Deutschland aber aufgeschlagen wird.

In einer am Mittwochabend veröffentlichten Erklärung, in der die Methodik für die weltweit für Aufsehen sorgenden Zölle erläutert wurde, führte der US-Handelsminister Howard Lutnick eine Formel aus, die den Handelsüberschuss eines Landes mit den USA durch seine Gesamtexporte in die Staaten dividiert, basierend auf Daten des US Census Bureau für 2024. Dann sei diese Zahl halbiert worden, wodurch der „ermäßigte“ Satz entstanden sei. „Weil wir gute Menschen sind“, wie Trump erläuterte.

China im Fokus

China beispielsweise hatte im vergangenen Jahr einen Handelsüberschuss von 295 Mrd. Dollar gegenüber den USA bei Gesamtexporten von 438 Mrd. Dollar – ein Verhältnis von 68%. Nach Trumps Formel durch zwei geteilt, ergab dies einen Zollsatz von 34%. Die gleichen Berechnungen ergaben in etwa die Sätze für andere Volkswirtschaften wie Japan, Südkorea und die Europäische Union.

Länder, in denen die USA einen Handelsüberschuss verzeichnen, wurden ebenfalls getroffen und mussten sich trotzdem mit einem pauschalen Zollsatz von 10% abfinden, ebenso wie Länder, in denen der Handel in etwa ausgeglichen war. In der Erklärung des US-Handelsbeauftragten hieß es, dass es zwar technisch möglich sei, die Sätze für tatsächliche Handelshemmnisse zu berechnen. Doch die vorliegende Methode dürfte ausreichen, um die Handelsdefizite zu senken.

Einfache Schätzungen

„Die Berechnung der Auswirkungen von Zehntausenden von Zoll-, Regulierungs-, Steuer- und anderen Maßnahmen in jedem Land auf das Handelsdefizit ist zwar komplex, wenn nicht gar unmöglich, aber ihre kombinierten Auswirkungen können durch die Berechnung des Zollsatzes, der mit der Senkung der bilateralen Handelsdefizite auf null vereinbar ist, durchaus geschätzt werden“, heißt es in der nicht unterzeichneten Erklärung.

Die Trump-Administration hatte zuvor hingegen erklärt, dass bei der Berechnung der Sätze sowohl Zölle als auch nicht-tarifäre Handelshemmnisse, einschließlich Steuern, berücksichtigen würde. Und Trumps Tafel zeigte die Sätze unter einer Kategorie mit dem Titel „Zölle, die den USA in Rechnung gestellt werden, einschließlich Währungsmanipulation und Handelshemmnisse“.

Bei Trumps im Februar vorgestellten „Zollformel“ sprach er von „Zöllen, Steuern, nicht-tarifären Handelshemmnissen, Währungsmanipulationen und jeglichen anderen Praktiken, die den Marktzugang in unfairer Weise einschränken oder den fairen Wettbewerb strukturell behindern“, die darin einfließen. Die Handelsbilanzen selber wurden dagegen nicht aufgeführt. Es wurde lediglich separat darauf hingewiesen, dass der nicht auf Gegenseitigkeit beruhende Handel „eine Ursache für das große und anhaltende jährliche Handelsdefizit unseres Landes bei Waren ist“.

Basis für Verhandlungen

George Saravelos, Global Head of FX Research bei der Deutschen Bank in London, hat nochmal nachgerechnet und kann die „einfache Arithmetik“ bestätigen. „Wir können sehen, dass bei Verwendung der Handelsdaten des US Census Bureau für 2024 einfach das Verhältnis des Defizits eines Landes im Warenhandel mit den USA zu den Exporten dieses Landes in die USA zu gleichen Ergebnissen führt“, schreibt er auf seinem Blog. „Einfach ausgedrückt: Je größer das nominale Handelsdefizit eines Landes mit den USA ist, bereinigt um die absolute Größe der Importe dieses Landes, desto höher ist der Zoll.“

Die US-Regierung konzentriere sich ganz klar darauf, Länder mit größeren Handelsdefiziten bei Waren zu bestrafen und Dienstleistungen dabei zu ignorieren. Eine differenzierte Bewertung von tarifären und nicht-tarifären Handelshemmnissen lasse das nicht zu. Saravelos sieht daher durchaus Chancen für Verhandlungen: „Es scheint, dass es keine spezifischen und identifizierbaren politischen Forderungen an sich gibt, sondern letztlich den Wunsch, die bilateralen Handelsungleichgewichte zu verringern.“

Untergrenze 10 Prozent?

Auch Salomon Fiedler von der Berenberg Bank sieht in den pauschalen Zollsätzen für einzelne Länder letztlich eine „Verhandlungsmasse“. Für jedes mit Zöllen belegte Land habe die US-Regierung eine Liste mit angeblichen tarifären und nicht-tarifären Handelshemmnissen erstellt. Dies sollte einen Einstiegspunkt in Verhandlungen bilden, um die Zölle wieder etwas zurückzudrehen. Da diese auch als staatliche Einnahmequelle dienen, dürfte Trump wohl verhindern, dass sie unter einen Satz von 10% fallen werden. Das Indiz: „Während die meisten Länder nur mit Zöllen in Höhe der Hälfte der ihnen von der US-Regierung nachgesagten Handelshemmnisse belegt wurden, bekamen Länder, welche selbst nur angebliche 10% verlangten, keinen solchen Rabatt.“

Eiko Sievert von der Ratingagentur Scope rechnet damit, dass sich das Wirtschaftswachstum in den USA und ihren Handelspartnern nach der Einführung von Zöllen abschwächen wird. Gleichzeitig würden die Zölle aber auch zu höheren Staatseinnahmen in den USA führen, auch wenn die tatsächlichen Einnahmen deutlich unter der Schätzung der Regierung von rund 600 Mrd. Dollar (rund 2% des BIP) pro Jahr liegen dürften. Sollten die aus den Zöllen resultierenden Staatseinnahmen für die Umsetzung der versprochenen Steuersenkungen verwendet werden, bleibe unklar, wie sich die fiskalische Entwicklung der USA damit kurzfristig deutlich verbessern kann, warnt er.