Unter den deutschen Autobauern fährt BMW vor
Unter den deutschen Autobauern fährt BMW vor
Bewertungsskala der Börsen-Zeitung zur Elektromobilität zeigt, dass Dax-Konzerne bestenfalls Mittelmaß sind.
Von Stefan Kroneck, München
Auf dem wettbewerbsintensiven Feld der Elektromobilität ist für die deutschen Autobauer noch viel Luft nach oben. Nach einer Bewertungsskala der Börsen-Zeitung liegt zwar BMW teils deutlich vor Mercedes-Benz und Volkswagen, der Münchner Konzern ist aber nur besseres Mittelmaß. Das weiß-blaue Dax-Mitglied befindet sich auf Basis von Schulnoten auf dem Niveau einer „2-“ bis „3+“, während der Stuttgarter Rivale auf „3-“ bis „4“ rangiert. Weit abgeschlagen liegt der Wolfsburger Mehrmarkenkonzern, der im günstigsten Fall auf „4-“ käme, faktisch sich aber auf dem schlechten Niveau einer „5“ befindet.
Nach der Bewertungsskala, die in acht gleichgewichteten Einzelkriterien mit einer jeweiligen Bandbreite von 0 bis 10 Punkten unterteilt ist, kann ein Unternehmen die maximale Punktzahl von 80 erreichen. BMW schaffte 43, Mercedes-Benz 30 und VW nur 23. Im Vergleich zu den anderen beiden Unternehmen sticht BMW besonders positiv in der Modellpolitik und in der Absatzentwicklung hervor. Die Elektrostrategie der Münchner baut auf bestehende Modellreihen der herkömmlichen Benzin- und Dieselmotoren auf. Diese werden sukzessive auf batteriebetriebene Fahrzeuge erweitert bzw. umgestellt auf dem gleichen Fertigungsband. Dieses System ist kosteneffizienter als jenes von VW.
Wolfsburger verzetteln sich
Die Niedersachsen verzetteln sich in zu vielen separaten Elektro-Baureihen mit jeweils eigenen Werken bzw. Produktionsstandorten. Sind die Kapazitätsauslastungen wie derzeit aufgrund einer überschaubaren Nachfrage sehr gering, wachsen die Kosten über den Kopf. Die Folgen sind fatal: VW will mit Einsparungen, die Stellenstreichungen beinhalten, gegensteuern. Der soziale Friede im Unternehmen ist dahin. Dem Konzern stehen unruhige Zeiten bevor. Die Zeichen stehen auf Arbeitskampf. Die Konzernführung versäumte es, das Volumen-Vorzeigemodell, den Golf, zeitnah in das E-Konzept als Flagschiff einzugliedern.
BMW gelang es derweil, mit einem ausgeklügelten Produktionssystem die Kapazitäten an den deutschen und ausländischen Standorten so weit auszulasten, dass ein Personalabbau faktisch kein Thema ist. Das liegt vor allem daran, dass die Weiß-Blauen aktuell viel erfolgreicher im Absatz von E-Autos sind, als Mercedes-Benz und VW. Die Umstellung läuft bei BMW viel stringenter. Dadurch können die Münchner die Flaute im größten Einzelmarkt China besser abfedern als die anderen beiden Dax-Mitglieder, die mit großen Rückschlägen bei den Auslieferungen zu kämpfen haben. In den ersten zehn Monaten 2024 konnte BMW bei batteriebetriebenen Pkw weltweit Zuwächse verzeichnen, während Mercedes-Benz und VW Verkaufseinbußen verbuchten.
Reichweite bleibt Schwachpunkt
Bei der Reichweite machte das Trio zwar Fortschritte. Allerdings kommen nur wenige Modelle der Adressen derzeit auf mehr als 600 Kilometer. Letzteres ist mittlerweile internationaler Mindeststandard. Das schlägt negativ auf das Preis-Leistungs-Verhältnis durch. Deutsche E-Modelle sind in der Breite des Angebots zu teuer. Preiswertere Einstiegsmodelle für jüngere Kunden gibt es faktisch nicht.
Zugleich ist die Abhängigkeit der deutschen Hersteller bei der Batteriebeschaffung von Dritten zu hoch. Es rächt sich, bei der Batterieherstellung das Feld weitgehend asiatischen Lieferanten überlassen zu haben, weil diese mit deutlich geringeren Lohnstückkosten fertigen können.
Wettbewerbsdruck steigt
Ausbaufähig sind die Marktanteile und Eigeninitiativen für eine bessere Ladeinfrastruktur. Hier zeigt sich, dass das deutsche Trio zu lange zu behäbig unterwegs war. Diese anfängliche Zaghaftigkeit erweist sich nun als Wettbewerbsnachteil auf dem internationalen Parkett. Der Nachholbedarf für BMW, Mercedes-Benz und VW ist enorm. Als Benchmark gilt nicht mehr Tesla, sondern gelten die aufstrebenden chinesischen Herausforderer, die in Deutschland ihre Muskeln zeigen.
Das Tempo der Umstellung auf Elektromobilität ist ein entscheidender Faktor dafür, sich gegen die Konkurrenz zu behaupten. Auf der Strecke bleiben jene Unternehmen, die finanziell an ihre Grenzen stoßen und deren Innovationskraft nachlässt. Davon ist das deutsche Trio nicht betroffen. In der schwierigen Transformation haben BMW, Mercedes-Benz und VW ausreichend finanzielles und ingenieurstechnisches Potenzial, sich im Weltmarkt zu behaupten. Sie müssen jetzt allerdings eine schmerzhafte Durststrecke durchmachen. Das Krisenjahr 2024 für die deutsche Autoindustrie geht nahtlos über in ein ebenso herausforderndes Jahr 2025. Die Wachstumsimpulse in Westeuropa und Fernost bleiben überschaubar. Die Konjunktur schwächelt weiterhin. Lediglich in Nordamerika läuft es besser. Doch das Comeback von Donald Trump dürfte die Handelsbeziehungen auf eine harte Probe stellen, verfolgt doch der populistische Republikaner einen harten Kurs des Protektionismus. Das macht es für die deutschen Autobauer nicht einfacher.