„Viele waren am Anfang zu optimistisch“
Im Interview: Carsten Roemheld
„Viele waren am Anfang zu optimistisch“
Fidelity-Experte sieht weiterhin gutes Umfeld für Aktien – Beim Thema KI ist Geduld gefragt – Aussichten für Mid Caps werden besser
Carsten Roemheld, Kapitalmarktstratege bei Fidelity, erwartet schrumpfende Gewinne bei den Magnificent Seven. Chancen bieten dafür Aktien aus der zweiten und in Europa auch aus der dritten Reihe. Roemheld sieht beim Hype-Thema KI weiter viel Potenzial. Hier sei aber zunächst noch etwas mehr Geduld nötig.
Herr Roemheld, der Dax ist in den ersten Wochen des Jahres von einem Rekord zum nächsten geeilt. Ist das nur eine Flucht aus den teureren US-Aktien, oder sehen Sie fundamentale Gründe für die Rally?
Es gibt ein paar Gründe. Viele sind mit einer ganz klaren Übergewichtung USA und einer ganz klaren Untergewichtung vom Rest der Welt ins Jahr gestartet. Das liegt an dem, was man sich von Trumps Wahlsieg versprochen hat, nämlich eine Politik, die vor allem auf die Unternehmen in den USA ausgerichtet ist. Dazu kommt das starke und ungebrochene Wirtschaftswachstum.
Dennoch sind Europas Aktienmärkte besser ins Jahr gekommen.
Als Trump das Amt angetreten hat und als sich die Zolldiskussion vor allem gegenüber Europa als doch nicht so dramatisch dargestellt hat, sind die Leute optimistischer geworden und haben sich gesagt, wenn alles gar nicht so schlimm kommt, dann haben wir noch ein paar Lücken im Portfolio, die wir absichern müssen. Und davon profitieren vor allem Regionen, die aus ihrer Sicht von einem etwas schlechteren Sentiment begleitet waren und die auch deutlich geringere Bewertungen aufweisen als die USA.
Was dann auch Deutschland zugutekam.
Deutschland hat nach wie vor viele Exportunternehmen, generiert enorm viel seines Umsatzes und seiner Gewinne im Ausland. Und wenn der Handel aus den eben genannten Gründen nicht so stark beeinträchtigt wird, ist Deutschland eine Region, die sicher positiv zu beurteilen ist. Ein zweiter Punkt war natürlich die Bundestagswahl, von der man sich eine Art Richtungswechsel verspricht. Wenn jetzt eine Regierung zustande kommt, die sich wirtschaftsfreundlicher aufstellt und Dinge, die etwas in Vergessenheit geraten sind, wie Investitionen in die Zukunftsfähigkeit des Landes, in den Vordergrund stellt, weckt das Hoffnungen.
Sprechen wir noch etwas genauer über den Regierungswechsel: Die Union hat die Wahl gewonnen, steht nun aber vor einer schwierigen Regierungsbildung. Was erwarten Sie von der künftigen Bundesregierung und wie können Anleger davon profitieren?
Der Regierungswechsel in Deutschland ist zunächst einmal ein sehr positives Signal. Wichtig ist nun aus Sicht von Anlegerinnen und Anlegern, dass sich die wirtschaftliche Stimmung im Land verbessert. Dass viele Unternehmensvertreter vor die Kameras getreten sind und sich über den Zustand der deutschen Wirtschaft und über die Bedingungen am Standort beklagt haben, hat auch zu der schlechten Stimmung und der schlechten wirtschaftlichen Wahrnehmung bei der Bevölkerung geführt. Deswegen geht es nun darum, die Stimmung im Land zu verbessern. Die Unternehmensinvestitionen in Deutschland sind zuletzt deutlich zurückgegangen, preis- und saisonbereinigt seit Ende 2019 um 6,5%. Das ist wirklich dramatisch, wenn man das mit anderen Regionen, vor allem auch in den USA, vergleicht. Wir haben einige Unternehmen gesehen, die den Standort verlassen haben. Man muss jetzt erst mal die Psychologie anpacken, um die Wirtschaft und den Standort zu stärken.
Und wie soll das gelingen?
Da gibt es verschiedene Komponenten. Steuerliche Komponenten. Bürokratie ist ein wesentlicher Hemmschuh in Deutschland. Das ist nicht neu, sondern ein ganz altes Thema, bei dem der letzten Regierung aber kein Abbau gelungen ist. Wenn man Bürokratie abbaut, um schnellere Entscheidungen treffen zu können, dann wäre das schon ein sehr großer Schritt. Die Energiekosten sind auch ein wesentlicher Punkt. Wenn es gelingt, dass man entweder über eine größere oder eine günstigere Energieversorgung dem Standort etwas Gutes tut, kann eine sehr positive Umkehrung der Stimmung entstehen. Das hilft dann auch, wieder mehr Investitionen an den Standort zu bekommen. Ebendiese Standortbedingungen sind im internationalen Vergleich im Moment sehr schlecht. Ich glaube, dass man an dieser Stelle relativ schnell und relativ effizient Dinge verändern kann, die zu einem Aufbruchssignal führen könnten.
Eine Art Aufbruchssignal erwarten sich nicht wenige auch von einer Reform der Schuldenbremse. Steht die jetzt auf dem Prüfstand?
Sie steht auf dem Prüfstand, aber kurzfristig scheint es keine Reform zu geben. Unabhängig davon: Es gibt kein Einnahmenproblem in Deutschland. Die Einnahmen des Staates sind sehr gut und haben in den vorigen Jahren trotz einer schwächeren Wirtschaftsentwicklung weiter prosperiert. Es gibt vor allen Dingen ein Problem auf der Ausgabenseite. Eine rigorose Durchforstung des staatlichen Budgets ist noch gar nicht erfolgt, weil es natürlich ein unbequemes und unangenehmes Thema für die einzelnen Ministerien ist, Einsparungen vorzunehmen. An der Stelle könnte eigentlich viel passieren. Welchen Weg die Politik auch wählt: Das Wichtige ist, nicht Konsumausgaben zu fördern, sondern Investitionen, die dafür sorgen, dass der Kuchen zur Finanzierung des Sozialstaats auf Dauer größer wird.
Weiten wir den Blick mal ein bisschen auf die internationalen Aktienmärkte. Da wurde die Rally in den vorigen zwei Jahren stark von den USA und besonders den Magnificent Seven angetrieben. Sie erwarten nun eine Verbreiterung an den Aktienmärkten.
Ja, das kann man schon beobachten. Zum Beispiel haben die Magnificent Seven im relativen Vergleich zum S&P-Index in diesem Jahr schlechter abgeschnitten. Das ist etwas, das in den vorigen zwei, drei Jahren überhaupt nicht zu beobachten war. Da haben die Magnificent Seven fast allein den Index nach oben gebracht. Der Hauptgrund dafür ist ihre Gewinndynamik, und diese Gewinndynamik geht jetzt langsam zurück. Im Jahr 2023 haben die Magnificent Seven quasi allein das Gewinnwachstum gegenüber dem Vorjahr gestemmt, während die anderen 493 Werte nichts beigetragen haben. Und diese Schere geht nun deutlich zusammen.
Worauf führen Sie das zurück?
Das hat damit zu tun, dass die Dynamik im Bereich KI zurückgeht, dass die Margenerwartungen zurückgehen, auch durch Wettbewerber wie DeepSeek, die jetzt das ganze Rennen neu gestaltet haben. Insgesamt wachsen die Gewinnerwartungen des S&P500 nicht mehr so stark. Das Gewinnplus der Magnificent Seven von 50–60% geht in den nächsten paar Jahren auf 15–20% zurück, und das ist eine relativ deutliche Größenordnung. Trotz der guten Wirtschaftsentwicklung steht auch ein Fragezeichen über der Inflationsentwicklung, die wir gerade wieder nach oben gehen sehen. Gerade für die kleinen Unternehmen sind die Zinsen sehr relevant. Wenn sich abzeichnet, dass die Fed jetzt pausiert oder gar ihren Zinssenkungszyklus schon beendet hat, wie wir es erwarten, dann wird es für kleinere Unternehmen schwierig, weil die Zinsen auf einem Niveau stehen bleiben, das nicht dem entspricht, was sie für eine Finanzierung brauchen. Grundsätzlich müssen wir kleinere Brötchen backen. Diese große Dynamik für die S&P-Gewinne wird nicht mehr da sein. Und damit wird auch die Renditeerwartung kleiner ausfallen.
Nvidia-Zahlen waren in den vorigenn Quartalen, wenn nicht Jahren, quasi ein Hochamt des Aktienmarktes, auf das alle geblickt haben. Auch diese Euphorie ist zurückgegangen, oder?
Die Zahlen waren einmal mehr sehr gut, verzeichneten aber den geringsten Umsatzzuwachs der jüngeren Geschichte. Damit zeigt sich, dass die Latte einfach zu hoch liegt, um sie dauerhaft immer wieder zu übertreffen. Das Thema KI ruft noch immer große Aufmerksamkeit hervor. Gerade jetzt, nachdem DeepSeek als Faktor aufgekommen ist und sich die Frage stellt, wie Nvidia darauf reagieren wird. Denn das betrifft natürlich schon die Margen von Nvidia.
Wenn man sich überlegt, dass ein Konkurrent es geschafft hat, mit einem viel geringeren Ressourceneinsatz, mit viel günstigeren und älteren Chips ein ähnliches oder fast gleiches Ergebnis von der Effizienz her zu erzielen, dann muss man sich schon die Frage stellen, was das für Auswirkungen auf die Margen von Nvidia haben kann, die ja immens hoch sind. Die Bruttomarge von Nvidia liegt bei jenseits von 70%. Das sind Zahlen, die man normalerweise nur über ganz, ganz wenige Zeiträume halten kann.
Die großen Kursschübe sind also erstmal vorbei?
Die vorigen beiden Quartale haben die Aktie schon nicht mehr ganz so nach vorne gebracht, wie es davor immer der Fall war. Und ich glaube, das wird jetzt so weitergehen. Es wird sehr darauf ankommen, wie Sie die Risikofaktoren für die eigene Unternehmenspolitik beurteilen. Allerdings führt diese ganze Effizienzdiskussion um den Ressourceneinsatz nicht dazu, dass es weniger Nachfrage gibt. Im Gegenteil wird die Nachfrage wahrscheinlich eher weiter angefacht, weil Unternehmen auch mit viel günstigeren Mitteln KI im eigenen Unternehmen etablieren können.
Die großen Sieben stehen aber auch von anderer Seite unter Druck. In der EU wird eine Digitalsteuer diskutiert. In den USA gibt es Diskussionen, ob die großen Monopole sogar zerschlagen werden sollten. Wie schätzen Sie diese Gemengelage ein?
Das Pendel schwingt gerade um, hin zu den mittleren und kleineren Unternehmen. Die Magnificent Seven hatten lange diese enorme Dynamik nicht nur beim Gewinnwachstum, sondern auch bei den einzelnen Geschäftsmodellen, ohne dass da großer regulatorischer Druck geherrscht hat. Es gab zwar Diskussionen, aber passiert ist faktisch nichts. Ich glaube, dass diese Diskussion nun größer wird. Denn die Macht dieser Unternehmen ist immens groß, und da gibt es schon Gefahrenpotenziale, die weltweit entstehen. Allerdings ist Trump natürlich niemand, der stark regulieren möchte. Und der Technologiesektor bleibt auf jeden Fall immens wichtig. Dort findet enorme Innovation statt.
Worauf setzen Sie denn jetzt? Worauf setzt Fidelity?
Wir haben nach wie vor ein relativ gutes Umfeld für Aktien. Es sind einige Risikofaktoren dazugekommen, aber das Umfeld ist nach wie vor einigermaßen okay. Large Caps haben lange überall den anderen den Schneid abgekauft. In den USA, in Deutschland, in Asien, in Japan. Wenn es nun weiter in Richtung Zinssenkungen geht, glaube ich, dass wir bei den Mid und Small Caps größere Chancen haben. Da ist Europa auf jeden Fall mehr begünstigt als die Amerikaner, weil wir hier ein schwächeres Wirtschaftswachstum haben und mehr Unterstützung von der Notenbankseite brauchen. Aber auch in den USA sind Mid Caps so eine Art Sweet Spot, weil sie inzwischen eine ähnliche Gewinndynamik aufweisen wie die Large Caps, aber deutlich günstiger bewertet sind. Small Caps haben es dagegen schon schwer, wenn die Zinsen in den USA da bleiben, wo sie jetzt sind. In Europa und Asien gibt es Chancen im mittleren und auch im kleineren Bereich.
Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung beim Thema KI ein? Wann schlägt sich das Thema auch im Gewinnwachstum von Unternehmen nieder?
Ich glaube, da waren viele am Anfang zu optimistisch. Der KI-Hype hat sich bisher vor allen Dingen in der Infrastruktur gezeigt und bei den Infrastrukturausrüstern, den Chips, den Servern. Aber die eigentliche Aussicht war ja immer, dass Unternehmen durch KI produktiver werden und dass Konsumenten mit Dienstleistungen und Produkten mehr Produktivität bekommen, und dieser zweite Schritt, also die Einführung von KI in der Breite, der dauert einfach länger, als es viele vielleicht gedacht haben. Die erste Welle haben wir jetzt hinter uns, und ich glaube, es gibt eine kleine Wartezeit, bis man die zweite Welle sieht. Wir reden mit sehr vielen Unternehmen und fragen natürlich, wie KI ein- und umgesetzt wird, Da gibt es noch keine klare Antwort. Bis das im Markt ankommt, dauert es wahrscheinlich noch zwei, drei Jahre. Es sind enorme Investitionen in diesen Bereich geflossen, über 200 Mrd. Euro, und die müssen jetzt erstmal wieder reingeholt werden. Bei dieser Größenordnung muss man schon ein bisschen Geduld haben.
Bei unserem vorigen Gespräch hatten Sie dazu geraten, sich neben Aktien auch verstärkt Rohstoffen zuzuwenden. Gilt das jetzt angesichts der inzwischen nicht mehr billigen Aktienmärkte erst recht?
Ja, das gilt nach wie vor. Insgesamt wurde in den vorigen Jahren einfach zu wenig in Rohstoffe investiert. Dabei ist dieser Bereich ein wesentlicher Faktor für alles, was kommt. Infrastruktur ist ein entscheidender Faktor. Sei es Güterverkehr, Elektrizität, Energieversorgung. Und das gilt nicht nur für uns. In den USA gibt es einen großen Nachholbedarf, was Infrastruktur betrifft. In Asien ist man gerade dabei, in vielen Bereichen Infrastrukturen aufzubauen. Und dafür sind einfach viele Rohstoffe notwendig. Ich glaube, dass wir da in Knappheiten hineinlaufen. Das sieht man zum Beispiel in der Diskussion zwischen der Ukraine und den USA, wo in die Friedensverhandlungen jetzt auch die Komponente Rohstoffe hereinspielt. Ein weiteres Beispiel dafür, wie wichtig dieses Thema ist, ist der globale Süden, Afrika. Eine Region, die vor Rohstoffen nur so strotzt und die sicherlich in den nächsten Jahren stark ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken wird. Ich halte den Bereich Rohstoffe daher nach wie vor für sehr interessant, gerade auch mit Blick auf die Inflationsentwicklung. Mit dem Rohstoffbereich kann man sich dagegen absichern.
Bleibt das Jahr 2025 auch eine goldene Zeit für den sicheren Hafen Gold?
Gold hat in den vorigen Jahren in mehrfacher Hinsicht überrascht, weil es entgegen den historischen Korrelationen gut gelaufen ist, obwohl die Zinsen nach oben gegangen sind, obwohl der Dollar nach oben gegangen ist. Diese historischen Korrelationen sind abgeschüttelt worden, weil Gold zu einer Art Kriseninstrument geworden ist. Es gibt eine viel breiter aufgestellte Nachfrage von Anlegern und Zentralbanken, die mit Gold den Dollar in ihren Wertspeichern ersetzen, und das wird das Edelmetall weiter unterstützen. Auch die unterliegenden Faktoren, sprich eingeschränkte Produktion und große Nachfrage, werden dafür sorgen, dass Gold von den Preisen her stabil bleibt. Man hat mit Gold ein Instrument, das eine gute Diversifizierung bietet und gleichzeitig gute Fundamentaldaten aufweist. Man sollte aber jetzt nicht jedes Jahr auf zweistellige Renditen hoffen.
Zur Person: Carsten Roemheld ist seit 2014 Kapitalmarktstratege bei Fidelity International. In dieser Funktion spricht er mit Medien, im TV und Radio über aktuelle Trends am Kapitalmarkt, Zentralbankpolitik oder wichtige makroökonomische Einflussfaktoren und deren Auswirkungen auf die globalen Finanzmärkte. Er tritt als Kapitalmarktexperte in diversen Börsenformaten auf und hat neben eigenen Blogs und Podcasts ein sehr erfolgreiches Webinar-Format etabliert, das alle 14 Tage für Kunden live gestreamt wird.
Das Interview führte Tobias Möllers. Das vollständige Interview lesen Sie unter www.boersen.zeitung.de.
Das Interview führte Tobias Möllers. Das vollständige Interview lesen Sie auf www.boersen.zeitung.de