Vertrauensverlust stürzt Türkei in schwere Krise
Vertrauensverlust stürzt Türkei in Krise
Finanzielle Risiken steigen – Stabilisierung der Lira für Inflationsausblick entscheidend
mpi Frankfurt
Mitten in der ökonomischen und politischen Krise der Türkei, die Präsident Recep Tayyip Erdogan durch die Verhaftung des Istanbuler Bürgermeisters ausgelöst hat, fällt die Inflation des Landes mit 38,1% auf den tiefsten Stand seit über drei Jahren. Statt Zinssenkungen der Notenbank stehen jedoch eher Zinserhöhungen im Raum.
Dies liegt am enormen Vertrauensverlust institutioneller Investoren in die Lira, die durch die politischen Entwicklungen entstanden sind. Da das rohstoffarme Land stark auf Exporte angewiesen ist, die in Dollar bezahlt werden, erhöht eine schwache Landeswährung den Inflationsdruck. Nach der Verhaftung Ekrem Imamoglus Mitte März musste die Zentralbank intervenieren, um den enormen Lira-Verfall zu stoppen. Das Manöver hat die Notenbank jedoch rund 25 Mrd. Dollar gekostet. Trotz der Bekenntnisse der Währungshüter zu weiteren Interventionen – wenn nötig – lässt sich eine solche Aktion nicht oft wiederholen.
„Eine weitere Abwertung könnte die Inflation anheizen und die Unsicherheit an den Finanzmärkten verstärken“, sagt Arun Singh, Chefökonom bei Dun & Bradstreet. Der Global Financial Confidence Index der Wirtschaftsauskunftei gab zuletzt um 2% nach. „Ein weiterer Rückgang würde das schwindende Vertrauen in die Stabilität der türkischen Wirtschaft bestätigen“, sagt Singh.
Misstrauen in der Bevölkerung
Vertrauen muss die Türkei nicht nur bei internationalen Investoren, sondern auch in der eigenen Bevölkerung zurückgewinnen. Tauschen in der Krise viele Einwohner ihre Ersparnisse aus Angst vor Inflation in Dollar oder Euro um, wertet das die Lira ab, was die Devisenprobleme nur noch weiter verschärft. Auch abseits der Inflationsentwicklung ist es für die türkische Wirtschaft entscheidend, dass sich die Lira stabilisiert. „Falls die Instabilität länger anhält, könnten Konsum- und Investitionsentscheidungen aufgeschoben werden, was die Nachfrage mittelfristig belasten würde“, sagt Mo Elmi, Senior Portfolio Manager für Emerging Markets Debt bei Federated Hermes.
Eine schwächere Konjunktur würde zwar den Inflationsdruck senken, doch erwarten Ökonomen, dass der preistreibende Effekt durch die teureren Importe überwiegen wird. Bis zur Festnahme Imamoglus befand sich die türkische Notenbank auf einem Zinssenkungskurs. Dann sah sie sich gezwungen, den Satz für kurzfristige Kredite in einer außerplanmäßigen Sitzung von 44 auf 46% anzuheben.
Der Leitzins wiederum liegt bei 45%. Die meisten Ökonomen erwarten, dass die Währungshüter ihn bei ihrer Sitzung am 17. April nicht weiter senken, sondern eine Zinspause einlegen. Die Analysten von Goldman Sachs rechnen hingegen mit einer Zinserhöhung um 350 Basispunkte. Sollte es dazu kommen, muss die Notenbank hoffen, dass Erdogan den geldpolitischen Kurs nicht öffentlich angreift. Denn das würde das Vertrauen institutioneller Investoren in die Türkei weiter schwächen.