Brücke oder KrückeBürokratieabbau

Brüsseler Nagelfeile gegen Washingtons Kettensäge

Unterschiedlicher könnten die Ansätze zum Bürokratieabbau zwischen den USA und der EU kaum sein. Das ist auch kulturell bedingt.

Brüsseler Nagelfeile gegen Washingtons Kettensäge

Nagelfeile gegen Kettensäge

Von Sebastian Schmid

Ein wenig mehr Musk und Milei wagen, wollte FDP-Chef Christian Lindner in der frühen Phase des Bundestagswahlkampfs. Das kam schon im vergangenen Dezember nicht gut an – Monate, bevor der Tesla-Chef seine Kettensäge an die US-Bürokratie angelegt hat. Sein Department of Government Efficiency geht dabei derart rabiat vor, dass das Akronym DOGE in den USA bereits als Verb verwendet wird. Eine Behörde wurde ge-„doged“, wenn unvermittelte Massenentlassungen durchgezogen wurden.

Kalkulierte Kollateralschäden

Beim Bürokratieabbau mit der Kettensäge verfolgt Musk den radikalen Ansatz, den er auch als Unternehmenslenker bei Tesla fährt. Teure Teile wie Radar oder Abstandsmesser werden kurzfristig und ohne Kundeninformation aus den Autos entfernt. Kollateralschäden wie der eine oder andere Unfall sind offenbar Teil des Kalküls. Das fahrerlose Cybercab, das bald an den Start geht, braucht 50% weniger Teile als ein Model 3. Lenkrad etc. kann sich schließlich schenken, wer ohne Fahrer auskommt. Der Mensch ist bei Musk eben immer auch Versuchskaninchen.

Lindner hätte sich denken müssen, dass dieser Ansatz den meisten Europäern wesensfremd ist. Nicht umsonst sind die hiesigen Autobauer extrem vorsichtig, wenn es um das Streichen von Modellen und Antriebsoptionen geht. Als radikale Neuerung gilt es zuweilen schon, wenn aus fünf Grautönen für die Lackierung ab Werk beim neuen Modell nur noch drei werden. Oder wenn statt acht Felgen nur sechs verschiedene Varianten zur Auswahl stehen. Grundlegend neu denken fällt schwer, wenn schon jedes Detail eine ausgiebige Diskussionen in der Produktentwicklung auslöst.

Keine Angst vorm „Omnibus“

Es passt also, dass die EU-Kommission bei ihrer groß angelegten Bürokratiereform lieber zur Nagelfeile als zur Kettensäge greift. Der „Omnibus“ fährt so gemächlich, dass der Green Deal keine Angst haben muss, davon überrollt zu werden. Denn selbst wenn viele europäische Unternehmen nun von der direkten Berichtspflicht ausgenommen werden, dürften die meisten davon noch indirekt betroffen sein. Zudem werden die Firmen einkalkulieren, dass sie als Lieferant, Übernahmeziel oder auch durch eigenes Wachstum auf Sicht in die Berichtspflicht rutschen könnten.

Welcher Ansatz zum Bürokratieabbau am Ende erfolgreicher sein wird, ist angesichts der unkalkulierbaren Kollateralschäden in den USA alles andere als ausgemacht. Fest steht wohl nur: Egal wie kräftig Brüssel hobelt, eine Nagelfeile entfaltet nicht die Wirkung einer Kettensäge – im Guten wie im Schlechten.


Hier finden Sie die bisher erschienenen Folgen der Kolumne „Brücke oder Krücke“.