Die Wall Street mischt den Krisen-Cocktail
Wall Street mischt den Krisen-Cocktail
Handelskrieg treibt Investoren aus Risiko-Assets in Cash – Wachstum von Geldmarktfonds zieht neue Schwankungen nach sich
Von Alex Wehnert, New York
Drei Teile ausufernde Staatsverschuldung, zwei Teile aggressive Handelspolitik, einen Teil unentschlossene Währungshüter und ein Spritzer Deregulierung: Das ist das Rezept für den perfekten Krisen-Cocktail, den Washington und die Wall Street derzeit zusammenmischen. Denn die genannten Faktoren tragen nach Einschätzung von Ökonomen und Analysten dazu bei, dass die Volatilität an den Märkten bei abnehmender Liquidität im Finanzsystem in den kommenden Monaten noch sprunghaft steigen wird.
Angstbarometer schießt hoch
Der Vix, das „Angstbarometer der Wall Street“, hat sich im März der Marke von 30 Punkten angenähert. Dies bedeutete das höchste Niveau seit August, als Ängste vor einer US-Rezession, eine Eskalation der Konflikte im Nahen Osten und eine Abwicklung des Carry-Trade im japanischen Yen für Turbulenzen an den globalen Märkten sorgen. Nach einer zwischenzeitlichen Beruhigung schoss er am Donnerstag wieder in die Höhe. Neben dem Index, der die Schwankungsbreite des S&P 500 misst, zeigt auch der ICE BofAML Move als viel beachtetes Maß für die Volatilität von US-Anleihe-Futures wiederholt starke Ausschläge. Im November hatte er den höchsten Stand seit Mitte 2023 erklommen, im März bewegte er sich wieder in diese Richtung.
Insbesondere die Strafzölle der US-Regierung gegen Handelspartner treiben Investoren derzeit um. Präsident Donald Trump will gemäß Bekanntgabe vom Mittwoch sämtliche Einfuhren in die USA mit einer Abgabe von 10% überziehen. Deutlich mehr sollen Länder zahlen, die Importe aus den Vereinigten Staaten mit höheren Zöllen versehen, als ihre Exporteure in Amerika abführen müssen. Ökonomen gehen davon aus, dass die zur Reduktion des hohen US-Handelsdefizits gedachten Zölle die inländische Inflation erneut antreiben werden.
Treasury-Strategie steht in Zweifel
Dies droht der Federal Reserve bezüglich neuer geldpolitischer Lockerungen in einem Umfeld die Hände zu binden, in dem die wenig nachhaltige Fiskalpolitik aus Washington ohnehin für nachhaltig erhöhte Renditeniveaus am Anleihemarkt sorgt. Zwar ist die umlaufende Verzinsung des zehnjährigen Titels nach den im Januar erreichten Niveaus um die Marke von 4,8% auf (Stand Donnerstag) 4,02% gesunken. Damit liegt sie allerdings noch deutlich über dem Level von 3,62%, das sie kurz vor den ersten Zinssenkungen der Fed im vergangenen September markierte.
Dabei haben sowohl die Währungshüter als auch die Treasury längst umfangreiche Bemühungen angestoßen, um die Renditen am langen Ende der Kurve einzufangen. Das Finanzministerium steuert bei seinen Emissionen seit über einem Jahr verstärkt Schatzwechsel an, um das Neuangebot bei länger laufenden Anleihen einzudämmen – wobei Trumps Finanzminister Scott Bessent diese Strategie schon wieder infrage stellt, weil sie die langfristige Finanzplanung erschwert. Die Fed entschied auf ihrer Zinssitzung im März indes, die Geschwindigkeit ihrer Quantitativen Straffung zu verringern. So will die Fed monatlich Treasuries im Volumen von bis zu 5 Mrd. Dollar von der Bilanz rollen lassen. Zuvor galt ein Limit von 25 Mrd. Dollar. Fed-Chef Jerome Powell bezeichnete dies als „Anpassung nach gesundem Menschenverstand“. So will die Notenbank verhindern, dass sie die Liquiditätszufuhr an die Märkte abwürgt.
Ankerinvestor fällt weg
Allerdings hat die Fed den Umfang ihrer Bilanz seit Mitte 2022 bereits um 2,2 Bill. Dollar auf zuletzt 6,74 Bill. Dollar reduziert, damit fällt der Ankerinvestor im Treasury-Markt weg. Der Finanzdienstleister State Street erwartet langfristige Volatilitätsanstiege – auch, weil preissensitivere Teilnehmer wie Unternehmen und Privathaushalte in der Gläubigerbasis der Treasury ein größeres Gewicht einnehmen. „Die höhere Empfindlichkeit von US-Staatsanleihen gegenüber Marktschwankungen und makroökonomischen Daten stellen die traditionelle Sicht auf Treasuries als Safe-Haven-Assets in Frage“, kommentieren die Analysten.
Die Nervosität schlägt sich auch im Derivatemarkt nieder. Der weltgrößte Terminbörsenbetreiber CME Group vermeldet regelmäßig Rekorde bei seinen Handelsvolumina, Ende Februar wechselten binnen eines Tages über 67 Millionen Futures und Optionen den Besitzer. Gerade Zins- und Staatsanleihe-Kontrakte sind dabei starke Treiber der Aktivität. CME-CEO und Chairman Terrence Duffy hebt angesichts „erhöhter Unsicherheit“ den Drang der Investoren in „tiefe und liquide“ Produkte hervor.
Banken unter Druck
Dies beschert auch Geldmarktfonds Zulauf, die als sichere Investments besonders gefragt sind und trotz der zwischenzeitlichen Zinssenkungen noch immer vergleichsweise hohe Renditen abwerfen. Laut dem Branchenverband Investment Company Institute haben die verwalteten Nettomittel der Vehikel zuletzt erstmals die Marke von 7 Bill. Dollar überschritten. Vor Ausbruch der Coronakrise lagen diese noch bei 4 Bill. Dollar. Gerade institutionelle Investoren haben ihre Positionen zuletzt ausgebaut.
Darunter leiden wiederum Amerikas Banken. Denn die Geldhäuser stecken seit der Regionalbankenkrise 2023 in einem verschärften Depositenwettbewerb untereinander. Der Zwang, mit zunehmend attraktiveren Geldmarktfonds um knappe Liquidität zu konkurrieren, hat ihre Nettozinsmargen erheblich unter Druck gesetzt. Bei Branchenprimus J.P. Morgan lag das viel beachtete Profitabilitätsmaß Ende 2023 noch bei 2,81%, im Schlussviertel 2024 aber lediglich noch bei 2,63%. Vom Datendienst Refinitiv befragte Analysten gehen im Konsens davon aus, dass sich der Abwärtstrend im laufenden Jahr fortsetzt.
Um die Profitabilität zu stützen, wagen sich die Banken laut der Ratingagentur S&P Global zunehmend in mit höheren Renditen lockende, aber zugleich wesentlich riskantere Ecken des Finanzmarktes vor und weiten die Kreditvergabe an Intermediäre ohne Einlagengeschäft aus. Dies fördert das Wachstum des schwach beaufsichtigten Private-Credit-Marktes, für den Politbeobachter unter der Trump-Administration keine neuen Regulierungsvorstöße erwarten.
Spread-Ausweitung erwartet
Das Alternatives-Segment zieht verstärkt Schuldner an, die selbst im Junk-Bond-Markt nicht mehr unterkommen. Die Verschiebung der knapperen Liquidität innerhalb des Marktes zeigt sich nach Ansicht von Lorie Logan, der als Expertin für Offenmarktgeschäfte bekannten Präsidentin der Fed von Dallas, auch an der Volatilität von Interbankenzinsen wie dem Sofr, an den die Kreditkosten eines Großteils der US-Unternehmensanleiheemittenten gekoppelt sind. Die Analysten von Goldman Sachs rechnen für das laufende Jahr noch mit einer deutlichen Ausweitung der Risikoaufschläge von US-Hochzins- gegenüber Staatsanleihen.
Der Drang der Investoren nach Cash und die erhöhte Volatilität bilden dabei wie in vergangenen schwierigen Marktphasen einen Teufelskreis. Die Schwankungen treiben Investoren dazu, Geldmarktfonds anzusteuern, worauf die Liquidität in Risiko-Assets abnimmt und diese anfälliger für neue Schwankungen werden. In einem angespannten globalen Handelsumfeld entfaltet der Krisen-Cocktail umso durchschlagendere Wirkung.
Der neue globale Handelskrieg und der unklare geldpolitische Ausblick verunsichern Investoren massiv. Zugleich nimmt die Liquidität innerhalb des Finanzsystems anhaltend ab. Analysten rechnen für die kommenden Monate deshalb mit neuen Volatilitätssprüngen an der Wall Street.